Dienstag, 18. August 2015

100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 1

Von 0 bis Marathon

100 Meilen laufen – ist das noch vorstellbar? Klar, nachdem Claudia und ich ja 2013 die 100 km in Biel bezwungen hatten und in 2014 den nicht minder schweren K78 in Davos, war zumindest mir klar, dass die 100 Meilen der nächste Schritt sein würden. Nach Danielas Bericht vom letzten Jahr war auch meine Claudia sofort hin und weg und ich musste sie nicht mehr…..sagen wir überzeugen. Für einen Geschichtsfreak wie mich ist der Mauerweglauf ja dann auch irgendwie genau das richtige.
Also meldeten wir uns kurzentschlossen an, es war ja noch ein Jahr Zeit! Dann ist es ja auch die weitere logische Zwischenetappe zum nächsten Ziel – der TorTour de Ruhr 2016, welche uns als Helfer im letzen Jahr auch dermaßen beindruckt hatte, dass zumindest mir klar war, diese auch einmal bezwingen zu müssen.

Wie geht man ein solches Event an, wenn man noch nie weiter als gut 100 Kilometer gelaufen ist? Nun ja, der Traildorado am Glörsee im letzten Herbst war schon einmal ein Anfang, 105 Kilometer Trail in 24 Stunden war ein guter Einstieg für Körper und Geist. Danach folgte zunächst ja mal die Vorbereitung auf den schnellen Frühjahrsmarathon in Wien. Für mich eines meiner beiden großen Ziele 2015, welches ist ja ich dann leider nicht erreichen konnte. Aber die 100 Meilen waren irgendwie ja doch die größere Herausforderung. Yvy, unsere Lauffreundin aus der Ausdauerschule hatte sich ja in einem Anflug geistiger Umnachtung zur Radbegleitung bereit erklärt, spätestens im Trainingslager im März kam auch Ihr Freund Henning nicht mehr aus der Nummer „Wenn Du keinen andern findest, mach ich es  bei Dir!“ heraus. Wen soll ich in Berlin schon sonst finden?
Nun ja, Wien war in die Hose gegangen, der Seilersee als Experiment 100 + X aber mit 130,8 Kilometer in 24 Stunden erfolgreich bewältigt worden. Die 30 hinten drauf konnten ja nicht so schlimm werden!
Die Planung 2015 sah nach dem schnellen Marathon in Wien 14 Tage Pause, dann den Ultra am Seilersee und im Mai/Juni einige Marathonläufe „zum Training“ vor. Das Konzept lief gut, denn die Marathonläufe an fast jedem Wochenende machten Spaß. Es ist herrlich, nach 4 Monaten Trainingsplandisziplin das Vergnügen zu erleben, ohne Zeitdruck und in respektvollem Abstand vom eigenen Limit all diese schönen Laufveranstaltungen zu genießen. Aber reichen Marathonläufe? Es sind nur 42,195 Kiometer, das ist nur gut ein Viertel der Wahnsinnsdistanz, die wir da vor der Brust hatten? Ein Wochenende zu Pfingsten hatten wir ja noch mit 100 Kilometer Gesamttrainingsdistanz in drei Tagen garniert. Nun, ich bin der Auffassung, dass der Grat zwischen „sich kaputt trainieren“ und einer optimal ausreichenden Vorbereitung ein sehr schmaler ist. Also mussten irgendwie ein bis zwei noch längere Läufe in die unmittelbare Vorbereitung eingebaut werden. Das taten wir dann auch. Die belgische Küste mit 70 Kilometern und den Sternlauf Münster mit 78 Kilometern bewältigten wir bei unterschiedlichsten Wetterverhältnissen recht gut, dazu noch etliche Fahrradkilometer mit unseren Rennrädern. Ich fühlte mich gewappnet und ich glaube, meine Frau auch.
Eine physische Vorbereitung ist beim Ultra aber nur die Hälfte der Vorbereitung, mindestens ebenso wichtig ist die mentale Vorbereitung. Man muss 100 Meilen im Kopf hinbekommen, denn schwer wird es immer unterwegs. Ich pflege mich dabei immer gründlichst auf den Kurs einzustellen, in diesem Falle, indem ich für meine Frau einen Audiovisuellen Guide für das Handy drehte. Nun ja, ich hatte noch eine Woche Urlaub zuhause und das Wetter war schlecht! Also ging ich die Strecke Kilometer um Kilometer durch, ergänzte das Roadbook des Veranstalters um eigenes Wissen, teilweise durch Internet-Informationen vertieft und sprach dies, garniert mit kleinen Einspielfilmchen und Originaltönen in meine Webcam. So kam es mir vor, als sei ich die Strecke schon mehrfach gelaufen, mir war aber auch die Bedeutung vieler Orte klar, auf die ich dabei sehr neugierig wurde.
Die Anreise war für Freitag geplant, früh um sieben ging es dann los. Die Räder von Yvy und Henning aufgeladen. Es war bereits lecker warm, für Berlin waren so 35 Grad angesagt. Für den Raceday am Samstag änderten sich die Prognosen gefühlt alle 10 Minuten. Ursprünglich war es wolkenlos bei 38(!) Grad, dann ging es langsam Richtung mehr oder weniger bewölkt, zuletzt kamen Gewitter und sogar eine Unwetterwarnung dazu. Claudia schien das in der letzten Woche dann doch nervös gemacht zu haben, mich ließ das relativ unberührt. Lediglich vor einem Rennabbruch wegen Unwetter hatte ich echte Angst. Aber laufen ist eine Freiluftsportart, darum lieben wir sie alle ja so. Da muss man dann halt auch mit den Verhältnissen klarkommen. Beim Sternlauf Münster waren es auch 28 Grad, und der ging ja tagsüber zu Ende. In der Nacht würde es nicht so schlimm werden, dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn. Gegen Mittag kamen wir in Berlin-Mitte an, nachdem wir zuvor bei Passage des ehemaligen Grenzübergangs Dreilinden die Strecke das erste Mal kreuzen durften, was bereits so etwas wie Ehrfurcht vor einer blöden Fußgängerautobahnbrücke auslöste. Immerhin würden wir hier 30 Stunden später schon über 90 Kilometer auf dem Tacho haben. Wir schmissen die Frauen vor dem Hotel mangels Parkmöglichkeit raus und stellten den Wagen am Jahn-Sportpark ab, wo wir von einer netten Dame dankenswerterweise noch eine Parkkarte erhielten. Bereits vor dem Hotel gab es das erste Hallo, als uns Ricarda und Christian über den Weg liefen. Wir holten gleich unsere Startunterlage, noch war da wenig Betrieb.
Delinquentenschau
Im Biergarten vor dem Eingang sammelten sich die Verrückten. Schön, wie viele man von denen ja schon kennt. Man fühlt sich wieder richtig normal, nachdem wir uns am Donnerstag beim Training der Ausdauerschule noch als grenzdebile Exoten fühlten.
Startunterlagenausgabe

Die Pasta-Party war dann schon einmal die beste, die ich je gesehen habe. Im edlen Veranstaltungssaal des Ramada-Hotels war ein Salatbüffet vom feinsten aufgebaut, dazu drei Sorten Pasta mit Bolognese, Veganer-Tofu-Sauce und Pesto, Eis zum Nachtisch und viel frischem Obst. Auch das Briefing in einem anderen Saal des Hotels wurde unerwartet humorig von Hajo Palm abgehalten, auch der Rennarzt war ziemlich schmerzfrei, als er die Ansicht verbreitete, mit angebrochenen Rippen oder so etwas könne man ja ruhig weiter laufen. Der Mann war mir sympathisch.
Dann mal ab in die Kiste, wobei es dann doch 10 Uhr war, bis wir unsere 3 Dropbags und die Fahrradtaschen gepackt hatten. Wechselklamotten in jeden Sack, die Nachtausrüstung mit Lampe und Warnweste vorsichtshalber in Nr. 2 (Km 72, man weiß ja nie!). Ersatzschuhe in die Fahrradtasche. War alles im richtigen Sack? Nichts vergessen? Mit Yvy und Henning verabreden wir, dass wir uns etwa zwischen Kilometer 45 und 50 treffen wollten. Hauptgrund dafür war, dass wir unsere Rucksäcke mit den Pflicht-Wasservorräten nicht länger tragen wollten. Bis dahin würden wir gut zusammen laufen können und würden uns noch nicht aufgrund unterschiedlicher Befindlichkeiten gegenseitig stören oder gar in Streit geraten. Näheres würden wir unterwegs per Telekommunikation lösen.

Inzwischen führten die Bayern dann mal 4:0 und ich lag im Bett. An gutem Schlaf mangelte es nicht, zumindest bis um 3:30 Uhr der Wecker ging. Ich mache kurz das Fenster auf, mir schlägt eklig schwül-warme Luft entgegen. Locker 25 Grad! Na ja, seis drum. Dämpfte zumindest meine Erwartung an die Kühle der kommenden Nacht! Immer noch war ich nicht wirklich nervös, sollte mich das beunruhigen? Noch schnell ein ordentliches Frühstück im Hotel, etwas getrübt durch die Tatsache, dass die Brötchen wohl noch nicht geliefert worden waren, dann ging es gemeinsam mit Daniela in den Shuttle-Bus,

der uns die zwei Kilometer zum Start bringen sollte. Auch hier das Treffen mit den üblichen Verdächtigen, ich möchte mir als 100-Meilen-Rookie gar nicht ausmalen, was die hier schon alle gelaufen sind. Und ehe man sich versieht ist es hell und wir stehen auf der Tartanbahn. Wir laufen gleich mal zusammen los und ich versuche, von Anfang an auf die Pace zu achten, um nur nicht zu schnell zu werden. Die Luft ist noch erträglich, aber die Sonne verbirgt sich noch hinter ein paar Wölkchen. Vorbei an der Schmeling-Halle und über den Schwedter Steg geht es unter der Bornholmer Brücke entlang, wo 1989 die Grenze geöffnet wurde. Ein erster besonderer Moment. Ich lasse Claudia hier noch ein über Lautsprecher an unserem Audioguide teilhaben. Norman nutzt uns hier noch als Bremse, er läuft gerne zu schnell los, wie er sagte. Das hält er aber nur wenige Kilometer durch. Durch Vorstadtarchitektur zwischen Pankow und Rehberge, dann entlang der S-Bahntrasse. Die Pace ist gut, zu langsam geht eigentlich ja nicht. Am ersten VP halten wir uns nicht lange auf, ein kleiner Schluck und weiter geht es. Wir laufen neben einer Läuferin und einem Läufer des LC Mauerweg her, er erzählt uns ein wenig mehr über die Strecke, während wir entlang der ehemaligen Bergmann-Borsig-Werke laufen. Dann passiert leider etwas, was in jedem Laurel-und-Hardy-Film zum tot lachen gewesen wäre, hier jedoch ganz und gar nicht lustig war. Während unser Begleiter mit uns spricht, sieht er eine Bekannte mit dem Rad am Straßenrand stehen. Er dreht sich laufend zu ihr um, ich hole gerade Luft, um ihn vor dem Poller zu warnen, da war es passiert. Genau in passender Höhe endete der Wegpoller auf gleicher Höhe wie der Schritt des Laufkollegen, dankenswerterweise war der Pfahl zumindest oben abgerundet. Es müssen dennoch ziemliche Schmerzen gewesen sein, die Vereinskollegin kümmerte sich um ihn und wir liefen nach kurzen guten Wünschen dann weiter. Wie wir später erfahren haben, war hier dennoch Schluss für den armen Kollegen. Von hier aus alles Gute! Das Mäkische Viertel, eine 60er-Jahre Hochhaussiedlung im Westen mit Geschichte als Apo-Quartier der Baaders und Dutschkes  und als sozialer Brennpunkt entlang geht es nach Lübars ganz in den dörflichen Norden. Claudia und mir geht es gut, aber nun bricht die Sonne endgültig durch die Wolken. Eine ganz tolle Landschaft öffnet sich, Felder und der Kirchturm von Lübars versprühen bäuerlichen Charme am Rande der
Dorf Lübars
Weltmetropole. Wir sind knapp 1:25 h unterwegs und kein Gedanke regt sich in mir daran, was noch vor uns liegt. Ich genieße einfach die berauschend schöne Gegend hier und freue mich auf das, was hinter der nächsten Ecke auf mich wartet. Eine Sanddünenlandschaft, fast wie an der Küste, umrahmt von Kiefern, dazwischen der Betonplattenweg. Wir treffen Läufer aus der fränkischen Schweiz, wo wir auch bereits Urlaub gemacht hatten, und haben wieder schöne Gesprächsthemen. Hier zwischen Hermsdorf und Glienicke, welches schon zu Brandenburg gehört, stehe einige Anwesen, bei denen die Armut der Eigentümer dadurch ihren Ausdruck findet, dass es sich beim Fußballplatz im Vorgarten nur um ein Kleinspielfeld handelt. Auch schön. Hoffentlich machen die Kids da Karriere, auf die Erben Boatengs werden sie da wohl nicht treffen. Claudia ist auch gut drauf, unsere Rucksäcke stören im Moment nicht wirklich und alles ist gut. Leider nur wird es immer wärmer. Dann haben wir am „Entenschnabel“, einer seltsam geformten Grenzdelle, die Oranienburger Chaussee erreicht, über die früher die Mauer verlief und die uns nach kurzer Zeit in den Wald und damit in den Schatten führen muss. Das tut er auch, leider kam hier irgendjemand in den zwanziger Jahren einmal drauf, man könne zwischen den Bäumen ja mal eine Siedlung bauen und schon mal mit der Pflasterung der Straßen beginnen. Das hat noch heute für uns gut zwei Kilometer unangenehmes Kopfsteinpflaster mitten im Wald zur Folge und wirkte irgendwie surreal. Aber das ist ja irgendwie der ganze Lauf, oder nicht? Endlich wechselt der Belag wieder auf Asphalt, der nur hin und wieder von einigen Wurzeln mit Stolperkanten versehen worden ist. Eine herrliche Gegend, wenn da nur nicht hin und wieder die orangefarbenen Stelen mit den Schwarz-Weiß-Fotos drauf wären. „Kann man sich gar nicht vorstellen, dass die hier im friedlichen Wald Leute erschossen haben“ sagt Claudia und mir fehlt auch die Phantasie, wüsste ich es nicht besser.
Naturschutzturm Waldjungend
Am VP wird es dann aber realer, denn der liegt am Naturschutzturm Hohenneuendorf, ein Relikt der Befestigungsanlagen. Ich nutze die Gelegenheit, um den Ort aufzusuchen, wo einst die Wachsoldaten Anschisse verteilten, dann geht es weiter. Schon 23 Kilometer und zweieinhalb Stunden sind wir unterwegs, ich fühle mich wie gerade los gelaufen. Und das ist auch gut so, wenn ich mal den letzten regierenden Bürgermeister zitieren darf. Wenn es jetzt schon hart würde, könnte man aufhören. Es sind ja „nur“ noch 138 Kilometer! Nach Verlassen des Waldes folgt ein ergreifender Abschnitt, die Stele von Marienetta Jirkowsky, jenem Maueropfer, dem in diesem Jahr das besondere Andenken und die Medaille gewidmet ist. Man hatte uns mit den Startunterlagen Visitenkarten mit dem Konterfei der damals achtzehnjährigen gegeben und uns gebeten, etwas drauf zu schreiben und sie hier an die Pinnwand zu stecken. Ich will hier nicht ihre ganze Geschichte erzählen, die kann man im Netz finden. Aber die Vorstellung, dass das Mädchen auf der Leiter steht, ihre Arme zu kurz sind, um die Mauerkrone zu greifen und ihr Freund sie gerade auf der Mauer liegend hochziehen will, als sie ihm quasi „aus den Händen geschossen“ wird, lässt einen schon erschaudern. Nicht irgendwo in Afghanistan, sondern hier mitten in Deutschland im Jahre 1980! Zwei Läufer vor uns scheint das nicht zu interessieren, die laufen ihren Stiefel runter und achtlos an den aufbauten Pinnwänden und uns vorbei. Hierfür fehlt mir dann doch das Verständnis. Wir laufen wieder in einen Wald und plötzlich taucht vor uns ein Ensemble alter Backsteinbauten auf. Auf den gepflegten Rasenflächen in der Sonne des Morgens ein wunderschöner Anblick. Wir sind in der Invalidensiedlung.
Invalidensiedlung
Havel bei Hennigsdorf
Die Gebäude erinnern in ihrem Militärisch ordentlichen Aufbau an eine Kaserne des 18. Oder frühen 19. Jahrhunderts. Früher bis auf die einzige Zufahrtsstraße in West-Berlin eingemauert, nun wieder von allen Seiten frei zugänglich. „jetzt sind wir aber ganz ‚oben‘?“ fragt Claudia mich. Ich bejahe und bei ungefähr 31 Kilometern sehen wir dann das erste Mal ein größeres Gewässer. Wir überqueren die Havel und sehen, wie sie zur Linken in den Nieder-Neuendorfer See übergeht. Ein toller Anblick mit den tänzelnden Segelboten in der Sonne.Leider fühlt sich die Sonne langsam nicht mehr so toll, sondern eher brennend an und wir sind froh, links hinter der Brücke den VP und ersten Wechselpunkt des Ruderclubs Oberhavel erreicht zu haben. Man reicht mir, ohne dass ich gefragt hätte, bereits meinen Dropback. Ich wechsele das verschwitzte T-Shirt gegen ein ärmelloses Shirt und ziehe eine Trockene Mütze und einen Nackenschutz an. Diese übergieße ich immer dergestalt mit Wasser, dass ich einen vollen Becher auf die Kappe stülpe und dann langsam sich das Wasser in Kopf und Schopf verteilen lasse. Herrlich, wie das kühlt. Meine Calfs nässe ich mit Schwämmen komplett ein, leidersind die gefühlt nach 200 Metern wieder furztrocken in der Hitze.

Wechselpunkt 1 Ruderclub Oberhavel, Kilometer 34
Ich poste kurz ein Foto an die Fangemeinde, dann geht es weiter. Leider erst einmal ohne Schatten. Es geht uns noch hervorragend und ich hatte Henning mitgeteilt, dass es reichen würde, wenn wir uns erst bei 51 Km am VP 9 treffen würden. Wir unterhalten uns mit zwei Läufern, die uns erst einmal auf gut 6:30-6:40 einbremsen, was vielleicht in der nun herrschenden schattenlosen Hitze nicht das verkehrteste sein dürfte. Ist ja noch ein Stück zu laufen. Einer begleitet hier nur auf 30 Kilometern und hat in Frankfurt den Ironman mitgemacht, mit dem quatsche ich ein wenig über Langdistanz-Triathlon. Passt ja gut hier am Wasser. Die beiden kennen sich aus und erzählen noch ein wenig zur Gegend um uns herum, auch das ist hier beim Ultra immer sehr angenehm. Man findet oft neue Laufpartner, mit denen man sich ein Stück des Weges die Zeit vertreibt. Weit weg ist die Hetzte und das auf die Uhr sehen eines Marathons auf Zeit. Klar sehe ich auch auf die Uhr und ich habe den Gesamtschnitt einschließlich der Pausen im Blick, aber bei den Zeiten und Distanzen hat das doch deutlich mehr Spielraum. Ich bin auch erstaunt, dass Claudia die Wärme so gut abkann. Der Weg führt über staubige, aber ordentliche Feinschotterwege direkt am Ufer des Sees zwischen Hausgärten mit frühstückenden Anwohnern auf den Terrassen und sonnenhungrigen Badewilligen auf der anderen Seite entlang. Hereinspringen wäre jetzt nicht das Schlechteste.  Der VP7 bei Km 38,7 liegt wieder an einem Wachturm, hier direkt am Seeufer. Schon fast ein Marathon. Kurz darauf verlässt die Strecke und damit die alte Grenze das Seeufer und biegt wieder in den Schatten des Waldes. Wir verlassen unsere Begleiter kurz nach der Marathonmarke. Marathon! Wir haben die erste Teildistanz tatsächlich schon geschafft, das ohne nennenswerte Ermüdungserscheinungen. Mein Kopf spielt mit und ich denke jetzt nicht daran, dass es erst gut ein Viertel der Strecke ist, die wir hinter uns gebracht haben. Ich rufe laut „Marathon“ durch den Wald. Wir sind doch recht froh, Schatten zu haben, denn das Entlastet Körper und Geist ungemein. Leider hat es sich damit bald wieder, denn nun führt der Weg am sonnigen Waldrand entlang .

Mittwoch, 12. August 2015

Berlin, wir fahren nach Berlin!

Es ist soweit, zwei Wochen des Taperings mit extrem heruntergefahrener Belastung nähern sich dem Ende. Berlin rückt näher. Die 100 Meilen - vor einiger Zeit noch so fern - sind nun zum Greifen nah.

Die Packliste steht, morgen wird gepackt und am Freitag geht es früh los. Schon jetzt einen ganz herzlichen Dank an Yvy und Henning, die uns auf dem Rad einen großen und entscheidenden Teil des Laufes begleiten wollen und uns damit zum einen den Rucksack über weite Strecken ersparen, zum anderen uns aber auch einen gemeinsamen Lauf mit allen seinen Problemen.

Warum? Gibt es etwas schöneres, als mit seinem Partner gemeinsam eine solche Strecke zu bewältigen? Na ja, was den Zieleinlauf angeht sicher nicht, für weite Strecken davor sicher schon.

Denn man ist, je länger die Distanz wird, in unterschiedlichen Zyklen. Dem einen geht es gerade super, da klappt es beim anderen gerade nicht. Man versprüht gute Laune, während der andere gerade vor sich hin stöhnt und mit sich und der Strecke hadert. Das kann ganz schön runterziehen. Ultralaufen ist erst einmal ein Indvidualsport, jeder geht anders mit diversen Schwierigkeiten um, die unweigerlich kommen werden. Und in psychisch sensiblen Phasen ist der große Ehekrach schnell da. Haben wir alles schon erlebt. Nein, jeder in seinem Tempo, das ist besser für uns beide. Was nicht heißen muss, dass Claudia langsamer läuft als ich. In Abschnitten unserer langen Trainingsläufe schien sie durchaus zäher zu sein als ich. Mein Kopf ist ein wenig stabiler, glaube ich. Ich habe einen gepflegten Grundoptimismus, der mir sehr helfen wird und schon oft geholfen hat.

Womit wir bei der Vorbereitung wären. Ich habe die Strecke bis ins kleinste Detail studiert. Nicht nur Wegbeschaffenheiten, auch das Höhenprofil und die kleinen und großen Dinge rechts und links der Strecke. Ich habe mir die Videos der letzten beiden Jahre angesehen, habe mit Google-Earth den Laptop heißlaufen lassen und mir Gedanken über Durchschnittspace einschließlich der Pausen gemacht. Ich möchte zwischen 6:15 und 6:30er Pace laufen, das habe ich beim Sternlauf Münser als nachhaltig angenehmes Tempo empfunden. Wann und wie lange ich Pausen einlegen muss oder möchte, wird man dann sehen, das entscheide ich spontan. Auch nach Wetterlage. Meine Angst vor der Entfernung habe ich verloren, das habe ich schon in Münster gemerkt. Wohlgemerkt, die Angst, nicht den Respekt.
Ich bin noch nie in meinem Leben diese Distanz gelaufen, ob mein Körper es genauso möchte wie mein Geist kann ich noch nicht wissen. Aber ich spüre eine wahnsinnige Vorfreude auf die Strecke, auf die vielen Details des Mauerweges. Aber auch das historiche Geschenk, diesen Weg laufen zu dürfen. Ich  bin 1986 mit zwei Fußballkollegen die letzten Streckenkilometer noch entlang der damals intakten Mauer gelaufen, habe respektvoll die Wachen in den Wachtürmen betrachtet und von den Holztribünen in den Todessstreifen geschaut. Wer das noch gesehen hat, läuft mit anderen Gedanken da entlang.

Auch berühren mich die Mauertoten, derer an vielen Punkten unterwegs gedacht werden kann. Das waren Menschen, die das Leben dort so satt hatten, dass sie ihr eigenes riskiert haben. Aber auch die Schützen, teilweise blutjunge wehrpflichtige, wie ich auch damals, 1987/88 einer war. Hätte ich geschossen, wie diejenigen, die noch 1989 Christ Gueffroy als letztes Opfer erschossen hatten?
Hätte ich den Mut gehabt, alles zu riskieren, um ein neues Leben im Westen anfangen zu können?

Mit diesen Fragen werde ich mich auch unterwegs eingehend beschäftigen können und das finde ich sehr spannend. Ich werde Euch an den Antworten teil haben lassen.

Warum wir diese Projekt und dann bald die TorTour de Ruhr auf uns nehmen? Im Grunde, weil ich wissen will, wo meine Grenzen liegen. Was liegt da näher, als permanent über eine Grenze zu laufen?

Haben wir richtig trainiert? Ja, ja und nochmals ja! Nach dem Wien-Marathon die 131 km am Seilersee, dort Nachtlauf getestet, dieverse Ernährungsexperimente gemacht und auch mit dem Tempo gespielt. Dann noch einmal in Coesfeld Gas gegeben beim Marathon, weitere 4 Marathonläufe bis Ende Juni relativ entspannt gelaufen. Dann einmal 70 und einmal 78 Kilomter als lange Trainingsläufe, dazwischen dann ab und zu ein paar Tempointervalle mit der Ausdauerschule und ein schneller 10er im Urlaub in Belgien. Und etliche Rennrad-Kilometer, seit Claudia ihr neues Rad besitzt, um gelenkschonendes Ausdauertraining ergänzend zu betreiben. Wenn das nicht reicht, dann ist es so. Dann hätten wir unsere Grenze gefunden.

Es geht nicht um Zeit, wenn man mal von den 24h für den "Buckle" absieht. Es geht um das Finish. Und um ganz viel neue Erfahrung.....


Sonntag, 2. August 2015

Sternlauf Münster - Generalprobe geglückt

Gestern haben Claudia und ich relativ spontan doch noch am Sternlauf Münster teilgenommen. Was heißt spontan....wir hatten uns auf Frank Pachuras Anfrage vor vielen Monaten gedacht, es könnte als letzte Trainingseinheit 14 Tage vor unserem geplanten 100-Meilen-Ritt um West-Berlin nützlich sein. Dann aber hatten wir das Ding irgendwie aus dem Fokus verloren, bis uns LAuffreund Roland im Urlaub anschrieb und anbot, uns bei sich zu Hause zu treffen, zum Start zu fahren und von seinem Sohn wieder abholen zu lassen. Wir dachten nach, ob rund 76 Kilometer 14 Tage vor dem Ultra noch Sinn machen. Gespräche mit dem Trainer und einschlägige Öiteratur ließen uns zu der Erkenntnis kommen: Das muss der Ultra-Bauch und -Kopf alleine entscheiden. Und die Entscheidung war ja.

Also machten wir uns am Samstag vor 7 Uhr auf den Weg quer durchs Revier nach Hamm, wo wir uns mit Roland und Günther trafen. Roland fuhr uns hin, er wollte aber erst in Ahlen zur 3. Etappe Einsteigen, da er sich für die 76 nicht bereit fühlte. Sternlauf Münster - worum ging es hier eigentlich? Ich zitiere einmal von der HP des Veranstalters Kinderkrebshilfe Münster e.V:

Wir helfen leben
Die Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin Pädiatrische Hämatologie / Onkologie des Universitätsklinikum Münster ist eines der größten Kinderkrebszentren in Deutschland und nimmt Jahr für Jahr 110 bis 130 Kinder und Jugendliche mit neu diagnostizierten Krebskrankheiten aller Arten (Leukämien und bösartigen Tumoren) auf.
Sie kommen aus einem sehr großen Einzugsgebiet, einige auch aus dem Ausland, und verbleiben meist über Jahre in stationärer und ambulanter Betreuung der Klinik.
Der Verein “KinderkrebshilfeMünster e.V.“ hat sich die Aufgabe gestellt, den krebskranken Kindern und Jugendlichen die lange Zeit der Behandlung mit ihren großen körperlichen und seelischen Strapazen erträglicher zu gestalten.

Wir können mit Hilfe unseres Sternlaufes den Verein finanziell unterstützen. Wo es nötig und möglich ist.

So wollten wir dann auch unseren Beitrag leisten, spendeten also ein angemessenes Startgeld und standen nun im Dörfchen Lippborg (nie gehört zuvor), um uns mit 40-50 anderen auf den Den ganzen Weg wollten nur etwa 6 oder 7 Verrückte auf sich nehmen, es war auch möglich, einzelne Etappen zu laufen und dem Veranstalter war es gelungen, örtliche Lauftreffs und Sportvereine zur Teilnahme laufend, walkend oder Radelnd zu bewegen. So kam ein buntes Trüppchen zustande, was immer zu neuen netten Laufbegleitern und Laufbegleiterinnen mit interessanten Gesprächen führten.

Das Wetter war erstmalig seit vielen Tage wieder richtig sommerlich, etwas kühler wäre nicht übel gewesen. Wir hatten gelegenheit, eine Tasche im Begleitfahrzeug zu hinterlegen. Das wollte ich für Ernehährungstests nutzen und füllte mir den bewährten Haferschleim in zwei Trinkflaschen, dazu wechselschuhe und ein Wechsel T-Shirt. Die "nachher-und Duschklamotten" konnten wir ja in Rolands VW-Bus lassen, der uns in Münster abholen würde. Wir liefen mit Trinkrucksack, darin ein mobiles Ladegerät für die GPS-Uhr, 2 Liter Getränk und eine Regenjacke, die ich aber schnell ausräumen konnte, denn von Wolken war keine Spur.

Ich bemühte mich die Pace von Beginn an zwischen 6:15 und 6:30 zu halten, denn der Tag würde lang werden. Die einzelnen Etappen folgten grob dem Verlauf der Werse. Zu Beginn war es etwas profiliert, aber noch liefen wir die Steigungen. Das habe ich in Berlin nicht vor, denn das kostet Körner. Wir liefen eh fast am Ende des Feldes, vor dem Rettungswagen, der mit Blaulicht den Abschluss bildete. Denn viele, die ja nur die 12 Kilometer der ersten Etappe laufen wollten, legten natürlich ein anderes Tempo vor. Claudia lief weiter vor. Ich konnte und wollte sie nicht bremsen, ist ja alt genug.
Dann das Experiment mit den neuen Schuhen. Der Cruiser von On, ein Modell für lange Distanzen. Ob der Schweitzer Hersteller hierunter auch die Ultra-Distanz meint, würde sich herausstellen. Insgesamt ist er etwas stabiler gebaut als der Cloudsurfer, den ich bisher ab und an trage. Ich hatte das Modell aus Kulanz zusätzlich zum Umtausch  erhalten, weil mein letzter Cloudsurfer früh einen Defekt hatte und die Firma On Ich hatte sie in der Woche zuvor 20 Kilometer eingelaufen, daher mal vorsichtshalber meine Adidas Ultra-Boost als bewährte Bereifung im Begleitfahrzeug deponiert. Auch dieses Experiment ist geglückt, der Cruiser lief sich super und genau das bisschen stabiler als der Cloudsurfer, das bei längeren Distanzen gefragt ist, wo es ja bekanntlich weniger auf das Tempo ankommt.
Mein Ernährungsexperiment ist, sagen wir mal halbwegs gelungen. Ich habe während der ersten drei Pausen Haferschleim mit Wasser und Zucker angesetzt getrunken, um ein "Loch im Bauch" zu verhindern. getrunken habe ich reichlich auf während der längeren Verpflegungspausen, vorwiegend Wasser und Apfelschorle, später auf dem letzten Viertel der Strecke dann auch Cola und zwei Dextro-Flüssiggels. Bis auf ein wenig Magengrummelei so in der Mitte des Laufes habe ich alles super vertragen und sah mich auch nicht unterversorgt, eine Salztablette zwischendurch verhinderte auch jeglichen Krampansatz bei der warmen Witterung.
Interessant war auch das Eis aus dem Hörnchen, das uns in Drensteinfurt vom mobilen Begleiteiswagen spendiert wurde.

Es verursachte definitiv keine Probleme, darauf würde ich in Berlin dann aber doch unterwegs eher verzichten.
Anders als das Wassereis, was uns weiter unterwegs vom freundlichen Eisbegleitwagen angeboten wurde. Bei der Wärme ein Wassereis zu lutschen kühlt und motiviert ungemein, ich achtete nur darauf, keine gefrorenen Stücke zu schlucken, sonder ließ sie im Mund zergehen.
Das Zeitexperiment brachte durchaus die erhofften Erkenntnisse. Wir brauchten für die 78 Kilometer brutto 10 Stunden und 26 Minuten brutto. Dies ergab eine Pace von 8:04 brutto.  Netto, also reine Laufzeit waren es knapp zwei Stunden weniger, also ein Tempo von 6:30. Aufgrund des Charakters als Gruppen und Etappenlauf und der Einstiegsmöglicheit für Einzeletappen an jedem Ort mussten natürlich die Startzeiten eingehalten werde, was zu teilweise nervig langen Pausen führte, insgesamt fast zwei Stunden . Ich ließ die Uhr bewusst laufen, um zu realisieren, was die Pausen mit der Durchschnittspace machen würden. Analysiere ich also einmal: In Berlin entspricht das der Teilstrecke bis Potsdam Revierförsterei Krampnitz, es liegt dort der Verpflegungspunkt 16. Kalkuliere ich an jedem VP eine Pause von 5 Minuten ein liege ich bei 80 Minuten Pause. Es besteht dann die Möglichkeit, eine weitere Pause von gut 35 Minuten einzulegen, wenn es denn nötig sein sollte und ab da dann für die verbleibenden 83 Kilometer noch noch 13 1/2 Stunden zeit zu haben. Das ist nicht zu üppig, bietet aber ein meiner Meinung nach ausreichendes Zeitpolster zum Erreichen der 24 Stunden-Grenze. Hierzu ist eine Pace von 8:57 erforderlich.  Also hat mir der Lauf auch hier wertvolle Erkenntnisse beschert. Ich denke, ich werde das Lauftempo zwischen 6:15 und 6:30 halten und rechtzeitig kurze Pausen einlegen.
Der psychologische Aspekt:
Die Strecke war teilweise schon eine gute Simulation. Es ging durch Ortskerne und Stadtzentren mit Ampeln und unterschiedlichstem Bodenbelag, es gab wellige und flache Abschnitte, die flachen zum Ende hin. Die Stadtquerung Münster kurz vor dem Ziel, viel Wasser entlang der Werse und des Dortmund Ems-Kanals, alles in allem Verhältnisse en miniature, wie wir sie in Berlin vorfinden werden. Natürlich hat man so um die sechs Stunden mal keine Lust mehr. Aber die Ablenkung durch die Neugier, was hinter der nächsten Ecke passiert, war auf der uns völlig unbekannten Strecke willkommen. Am Ende hatten wir auch wieder Lust und hätte bequem noch weiterlaufen können. Die körperliche Erschöpfung hielt sich bei mir, ebenso wie bereits in Belgien, durchaus im Rahmen. Natürlich erscheint es kurz vor dem Ziel absurd, noch einmal 83 Kilometer dran zu hängen. Aber daas hängst einzig und allein mit der Fokussierung auf das Tagesziel zusammen. Wenn man es weiß, würde es gehen.

Fazit: Ein toll organisierter Lauf, der mir die erhofften Erkenntnisse für den Kopf und den Körper gebracht hat. Ich bin überzeugter denn je, Berlin innerhalb der 24 Stunden gut zu schaffen, auch wenn es eine riesige Herausforderung bleibt und ich gewiss zu keinem Moment den Respekt vor der Aufgabe verliere. Es ist nicht sicher, dass man so etwas schafft, aber die Wahrscheinlichkeit ist nun hoch! Auch für meine Claudia mache ich mir keine Sorgen. Auf der Langstrecke ist sie kaum schlechter als ich. Ich bin überzeugt, dass auch sie gut durchkommen wird.
Jetzt heißt es zwei Wochen Tapering, nur noch kleine Runden laufen oder ein wenig Rad fahren, dann geht es endlich los. Das zweite große Ziel in diesem Jahr. Wäre schade, wenn es wieder nicht klappt.....

Wie verabredet holte Rolands Sohn uns in Münster ab, die Wege zu den hervorragenden Duschen waren erfreulich kurz und die Bratwurst samt alkoholfreiem, kaltem Potts schmeckten vorzüglich nach so einem Ritt. Roland spendierte und auf der geselligen Rückfahrt - so ein VW-Bus mit gegenüberliegenden Sitzen hat etwas kommunikatives - noch Erdinger Alkoholfrei und so konnten wir den schönen Lauf noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen. Herzliche Dank auch hierfür.

Ach ja, es kamen bereits von den Voranmeldern eine sehr gute Spendensumme zusammen, die im Ziel auf dem Leonaro-Campus überreicht werden konnte. Nehmt im nächsten Jahr ruhig einmal teil, es muss ja nicht dieselbe und nicht die volle Etappe sein.....

http://www.muensterland-sternlauf.de


Sonntag, 26. Juli 2015

Aktivurlaub in Flandern - Zukunft und Vergangenheit

Ich bin wieder zu Hause. Zurück aus Belgien, von zwei Wochen Entspannung und Sport. Meine sportlichen Pläne wurden sogar übererfüllt. Ein schöner Strand-Wettkampf (nachzulesen unter http://www.laufen-in-dortmund.de/stories/2015/knokke.htm ), zwei schöne lange Läufe durch das Hinterland und der Küstenultra - für mich eine selbstverständlich abzulaufende Route. Die gesamte Küste unseres kleinen Nachbarlandes von der französischen bis an die niederländische Grenze. Dazwischen schöne Radtouren - dank Claudias neuem Rennrad schmolzen Entfernungen zusammen und erschlossen sich Einblicke, die dem Läufer aufgrund der Geschwindigkeit und dem Autofahrer erst recht nicht zugänglich sind.
Ob es eine Radtour entlang der Küste mit kurzer Pause am Strand, eine Tour nach Brügge mit Stadtbesichtigung zu Fuß und anschließender Weiterfahrt entlang der Kanäle nach Damme oder die für mich ebenfalls bewegende, aber auch landschftlich sehr schöne Tour entlang des "Ypernbogens" auf der Friedensroute waren, alle Touren waren trotz des allzeit präsenten Windes sehr schön, forderten aber zugleich auch die Beine. Das ergänzt das Ultra-Training sehr gut, denn man kann ja nicht jeden Woche einen Marathon laufen, ohne am Tag X, der ja unweigerlich näher rückt, durch zu sein. Das Radfahren bietet da willkommene Ergänzung.

Was gefällt mir an Belgien? Die Belgier haben es verstanden, in den letzten 100 Jahren fast ihre gesamte Küste - bis auf wenige Kilometer Naturreservate im Westhoek bei De Panne, kurz vor Oostduinkerke und Het Zwin an der niederländischen Grenze - zu verbauen. Und das nicht etwa schön....nein, scheinbar jeder Belgier schien ein Appartement mit Meerblick haben zu wollen, eine Bausünde der 50er bis 80er Jahre reiht sich aneinander, in keinster Weise aufeinander abgestimmt. Bis zu 12 Etagen türmen sich auf, hässliche Fassaden, ganz vereinzelt noch ein Bau aus der "belle Epoque" mit Fachwerkelementen und verzierten Giebeln. Später, ab den 90ern, baut man wieder angepasster, aber zu spät ist zu spät. Dennoch entstand so eine schier endlose Strandpromenade, zwei Straßen breit, oft für Fußgänger und Radfahrer getrennt und für Autos gesperrt. Direkt daran der Strand, der bei Ebbe Kilometer breit zu sein scheint. Und direkt hinter den in der Regel nur zwei bis 3 Straßenzüge breiten Badeorten ein endloses flaches Polderland, über das der Blick bis zum Horizont schweifen kann und Lauf- bzw. Radstrecken sich im endlosen zu verlieren scheinen. Durchsetzt mit Landmarken in Form von trutzigen Kirchtürmen und zuweilen auch dem Belfried eines der schönen kleinen Landstädtchen wie Veurne, Diksmuide oder Sluis mit dem einzigen Turm dieser Art in den Niederlanden. Ausrücken eines im Hochmittelalter durch den Tuchhandel mit England reich gewordenen Stadtbürgertums. Auch damals endete der Horizont nicht an der wechselhaften Küstenlinie.
Hier verschwimmen Grenzen. Grenzen zwischen Land und Meer, Grenzen zwischen Staaten. Flandern hat seine Ausläufer noch in Nordfrankreich, in den Niederlanden, wo die Grenze scheinbar willkürlich durch das Polderland entlang der Westerschelde im Zuge der vielen Kriege zwischen Spaniern, Niederländern. Franzosen und Österreichern gezogen zu sein scheint. Eine Sprachgrenze wie im Süden gen Frankreich gibt es hier nicht.
Diese Unendlichkeit der Landschaft, die in nur wenigen Abschnitten der Niederlande, wo wir Deutschen ja viel lieber Urlaub machen, noch ähnlich geblieben ist. Denn die Niederlande sind wesentlich dichter besiedelt als Belgien, 405 Einwohnern pro km² stehen nur 364 in Belgien gegenüber, von denen sich aber unverhältnismäßig viele im Großraum Brüssel konzentrieren. Man trifft hier auf relativ wenige deutsche Urlauber, auch die deutsche Sprache ist weniger verbreitet als in den Niederlanden.
Aber es wird hier an vielen Stellen deutlich, dass sich hier ein Schnittpunkt der Kulturen gebildet hat. Die Seehäfen von Zeebrugge und Oostende lassen mit Silhouetten gewaltiger Containerschiffe ebenso wie die Einfahrt der Westerschelde, von Knokkes Stränden gut sichtbar, eine Ahnung vom Welthandel als Quelle unseres heutigen Wohlstandes aufkommen. Französisch ist häufig anzutreffen, denn Knokke-Het Zoute ist das Mekka der "Haute-Volee" Belgiens. Hinter den Bausünden mit Appartements für den "Plebs" reichen sich Villen aus allen Epochen des letzten und vorletzten Jahrhunderts in der früheren Dünenlandschaft vor dem Naturschutzgebiet "Het Zwin". Autos der oberen Preisklasse befahren die elegant geplasterten Verbindungsstraßen mit Blumengeschmückten Grünstreifen zu den Bürgersteigen. Läden der europäischen Exklusivmarken reihen sich aneinander.

Auch Englisch ist hier häufiger anzutreffen, als in den Niederlanden. Viele Briten fahren mit den Fähren nach Oostende und Zeebrugge, um Urlaub hier auf dem Kontinent zu verbringen. Meist fahren sie nicht weiter.

Dann Brügge, ein Weltkulutrerbe mit seiner malerischen Altstadt. Wir haben eine Radtour dorthin unternommen, an einem Samstag. Die Straßen in Brügge waren voll mit Touristen aus aller Welt, vielfach aus Asien. Die mittelalterlichen Bauwerke, nur von wenigen modernen Bauwerken ergänzt, bilden ein fast einzigarteiges bauliches Ensemle.
Ein Segen für die Stadt, dass der Meeresarm "Zwin" bereits im 14. und 15. Jahrhundert versandete und die Verbindung zum Meer verloren ging. Die dadurch verarmte Stadt konnte sich einen Abriss der alten Architektur, insbesondere im 19. Jahrhundert, schlichtweg nicht leisten. Den Rückweg nahmen wir entlang eines alten Kanals, für heutige Binnenschiffe bei weitem zu schmal, den man grub, um die Verbindung zu halten. Im Niederländischen Sluis endete der Versuch, denn mit dem Fall dieser Stadt an den nördlichen Nachbarn während des 80-jährigen Freiheitskampfes der Niederlande gegen die Spanier machte ihn nutzlos.

Was das alles mit Laufen zu tun hat? Nun, Endlosigkeit und Weite, internationale Atmosphäre und Weltoffenheit sind für mich sehr wohl Attribute, die zu Laufveranstaltungen passen.

Ab Nieuwpoort, dem Hauptfischereihafen Belgiens an der Mündung des Flüsschens Ijzer, erreicht einen die jüngere Geschichte. Als Belgien dem Deutschen Reich 1914 den freien Durchmarsch nach Frankreich zu Beginn des Ersten Weltkrieges verweigerte, wehrte sich die kleine belgische Armee durchaus erfolgreich gegen unsere Truppen. Nach dem Rückzug in die Festung Antwerpen, die jedoch mangels britischer Unterstützung im Oktober 1914 geräumt werden musste, zog sich der Rest der Armee, etwa 80.000 Mann unter dem jungen König Albert I., zurück und bauten hier eine letzte Verteidigungslinie auf. Als nach der Niederlage des Deutschen Reiches an der Marne vor Paris ein "Wettlauf zum Meer" begann, um Frankreich von den Kanalhäfen und seinem britischen Verbündeten abzuschneiden, wurde die kleine belgische Armee mit einem Male wichtig für die ganze Westfront, denn nur sie konnte hier noch die deutschen Truppen aufhalten. Man tat etwas, was bereits die Niederländer 350 Jahre zuvor getan hatten: Man setzte das Land unter Wasser. Die Polder zwischen Nieuwpoort und Duksmuide, das "Ijzertal", wobei wir hier von 1 - 2 Metern Höhenunterschied sprechen, wurden an geflutet, indem die Schleusen hier bei Flut geöffnet und bei Ebbe geschlossen wurden. Der Übergang über die Ijzer, der unseren Truppen bereits gelungen war, konnte nicht gehalten werden, die Front verfestigte sich hier für 4 Jahre.
 Belgien jedoch behielt ein kleines Stück seines Territoriums und seine Armee, das Land von Nieuwpoort über Diksmuide bis Ypern an die französische Grenze. Das Albertmonument an den Ijzerschleusen, an dem wir an unserem ersten langen Lauf entlang kamen erzählt von diesen Tagen vor nun 101 Jahren. Mich beindrucken solche Monumente, auch wenn Krieg etwas schreckliches ist: Hier hat ein Volk und ein Land unter Einsatz vieler Menschenleben seine Existenz gerettet. Denn auch bei einem Alliierten Sie gibt es nicht wenige Historiker, die Belgien an Frankreich angegliedert gesehen hätten, wäre es vollständig besetzt worden und hätte König Albert sich aus Antwerpen auf die mögliche Flucht nach London gemacht, wie es auch als Alternative angedacht worden war.
Es ist nicht nur ein Denkmal, es ist ein nationales Monument, das mir Respekt einflößt.

An diesem Tage liefen wir entlang eines weiteren Kanals Veurne-Nieuwpoort durch strömenden Regen. Über 10 Kilometer fast schnurgerade, ein Kanal, ungeeignet für heutige Binnenschiffe und gegraben unter Napoleon I., der aufgrund der bitischen Blockade der Kanalhäfen Calais und Dünkirchen letzteres mit Antwerpen verbinden wollte. Wieder Krieg, nur noch 100 Jahre zuvor in diesem Land. Alles mit der Hand gegraben, der prasselnde Dauerregen, der uns an diesem Tage auf dem Wege über Veurne ins schon fast französische De Panne begleitete behindert die Sicht an die Küstenlinie . Den Weg ins Zentrum von Veurne mit seinem Renaissance-Rathaus "Spanischer Pavillion" sparen wir uns durchnässt, wie wir sind. Es war der Hauptort des unbesetzten Belgiens im Weltkrieg, den man damals noch nicht als den ersten bezeichnen musste.
Über plattes Land, dass mich fast an den Niederrhein und die teilweise gemeinsame Geschichte erinnert - auch Rheinberg und Orsoy waren im 16. Jahrhundert in den 80-jährigen Krieg zwischen Spaniern und Niederländern verwickelt und welches hier wieder eine Verbindung schafft, erreichen wir den Bahnhof von De Panne. Hier beginnt - oder endet - die Kusttram, die längeste Straßenbahnlinie der Welt, die uns zurück zu unserem Auto nach Middelkerke bringen wird.
Diese Tram bringt uns auch in einer 2 1/2 stündigen Fahrt zurück nach De Panne, als wir unseren "Küstenultra" laufen wollen. Wieder beginnt es in De Panne zu regnen, als wir die letzten Bausünden hinter uns gelassen und den letzten Betonweg am Ende des Strandes erreicht haben. Nur Schemenhaft ist der Hafen von Dünkirchen in etwa 5 km Entfernung auszumachen. Und wieder bin ich bei der Geschichte, jetzt allerdings im zweiten Weltkrieg im Jahre 1940. An diesen Stränden drängten sich das britische Expeditionskorps und die Reste der französischen Armee, eingeschlossen von den Truppen der Wehrmacht nach dem Durchbruch durch die Ardennen im Mai und der panikartigen Auflösung der französischen Front. Hier warteten hundertausende Wehrpflichtiger Männer wie Du und ich darauf, entweder von deutschen Fliegern oder Artilleriegeschossen getötet oder mit irgendeinem schwimmenden Gefährt - Großbritannien hatte alles über den Kanal geschickt, was schwimmen konnte - die rettende britische Insel zu erreichen. Auch mein Großvater stand in der Armee, die den Kessel bildete und die den Angriff aber unterließ und die Truppen damit entkommen konnten. Wir starten entlang dieser Küste, entlang der Promenaden der Seebäder De Panne, St.Idesbald, Koksijde und Oostduinkerke bis Nieuwpoort. Dort setzen wir mit einer Fähre über den Hafen, um nicht erneut zum Albert-Monument im Bogen zurück zu müssen, wo die Ijzerschleusen die Überquerungsmöglichkeit per Pedes bieten. Dann geht es weiter, vorbei an Bunkerresten aus dem Stellungskrieg 1914/18 Richtung Westende und Middelkerke. Oostende kommt in Sicht.Zuvor noch die Bunkeranlagen des Atlantikwalls in Raversijde, erbaut im ersten und zweiten Weltkrieg von unseren Truppen,um den Hafen von Oostende vor allierten Landungsversuchen zu schützen. Die Kanonen des zum Freilichtmuseums verwandelten Terrains ragen über die Küstenstraße. Daneben die Tram und die weite Sicht auf den Hafen und das Häusermeer von Oostende.
 Hier reichen die Dünen bis an die Straße, dann folgt die Tram und dann die Promenade, die den hier kurzen Strand begrenzt. Es ist steigende Flut, viel ist hier nicht vom Strand übrig. Dann erreichen wir Oostende. Im 19. Jahrhundert eines der angesagtesten Seebäder Europas und auch heute bin ich überrascht, welch angenehme Atmosphäre die lange Seepromenade, aus der direkt die Fußgängerzonen in die City abzweigen, bietet. König Leopold II. hat hier aus seiner Privatschatulle den Kursaal mit langen Arkaden an der Promenade bauen lassen. Damals wandelten die Damen gerne im Schatten, denn braune Haut galt als Stigma der arbeitenden Bevölkerung, die sich diesen Luxus hier nicht leisten konnte. Leopold konnte sich diesen Luxus sehr wohl leisten, denn Ende des 19. Jahrhunderts war er als Alleineigentümer des Kongo-Freistaates einer der reichsten Männer der Welt. Basierend auf einer unmenschlichen Ausbeutung der kongolesischen Bevölkerung, die selbst zu dieser Zeit ihres Gleichen suchte und die erst 1908 damit beendet wurde, dass der König aufgrund schlechter Presse gezwungen wurde, seine "Gelddruckmaschine" Kongo als Kolonie seinem Staate zu verkaufen. Wie viele der dunkelhäutigen Belgier, die uns auch ab und an entgegen kommen, mögen Vorfahren unter seinen Opfern gehabt haben? Der Kongo hat diese Kolonialherrschaft bis heute nicht verarbeitet. Vorbei am Denkmal dieses umstrittenen Königs erreichen wir das Spielcasino wie in fast jedem Badeort, ein riesiger Kursaal direkt am Starnd runden das Bild des großen Seebades ab, ehe wir den Hafen erreichen, wo uns erneut eine Fähre hinüber bringt und wir über die Schleuse, die zu den deutschen U-Boot-Bunkern des ersten Weltkriegs führte. Das Fort Napoleon - die Festungsanlage aus früheren Jahrhunderten sehen wir hinter den Dünen nicht - geht es auf die endlos lange Promenade Richtung Bredene und De Haan, später müssen wir an den Sand wechseln, denn der befestigte Weg endet. Irgendwann tauchen dann am Horizont die Kräne von Zeebrugge auf. Hinter Zeebrugge beginnt dann sofort Heist, der erste Orstteil von Knokke. Dass danach noch Duinbergen, Knokke-Albertstrand und Het Zoute und dann dass NSG Het Zwin folgen, verdrängt der Ultrau-Läufer ja gerne. Claudia schein ziemlich durch zu sein, sie interessiert sich nicht so für die geschichtlichen Zusammenhänge und die historischen Dimensionen der Landschaft. Vielleicht ist es deshalb für sie schwieriger, weil die Ablenkung fehlt? Irgendwann kommen wir an. Die belgische Küste ist durchlaufen. Wir blicken in den "Zwin", der Mündung jener verlandeten Meeresbucht, die einst Brügges Aufstieg und Niedergang begründete. Die hier im Zwin wurde 1340 der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich eröffnet - mit der völligen Vernichtung der französischen Flotte. Der Krieg endete 1453 mit dem Verlust von Calais als letztem kontinentalen Vorposten der englischen Krone. Schon wieder bedeutende Weichenstellung für Mitteleuropa!
Het Zwin - einstiger verlandeter Meeresarm und Grenze B/NL

Ich kehre noch einmal zurück zu den Ereignissen des "groote Oorlog", wie der erste Weltkrieg im gesamten Westeuropäischen Bewusstsein heute noch als "der große Krieg" bezeichnet wird. Denn wir fahren nach Ieper/Ypres. Nicht weit von der flämisch-wallonischen Sprachgrenze gelegen, trafen sich hier im Oktober 1914 die von der Marne nach Norden rückenden britischen und französischen Truppen und die Belgier nach bei Nieuwpoort und Diksmuide gestopptem Rückzug aus Antwerpen. Ihnen gegenüber frische, unerfahrene deutsche Truppen, frisch aus den Universitäten und Schulen, von den Werkbänken geholt und im August und September eilig ausgebildet. Bei Ypern trafen sie aufeinander. Hier beginnt das "Heuvelland", eine sanfte Ansammlung von Hügeln, die sich nach Osten Richtung flämische Ardennen und nach Südwesten Richtung des Ballungsraumes Lille-Roubaix erstreckt. Eine liebliche Landschaft, abwechslungsreicher als das flache Polderfeld im Hinterland der Küste. Interessant mit dem Rad zu befahren. Die Hügel hatten auch strategische Bedeutung in jenem Oktober 1914. Rings um Ypern verlaufen ihre Ausläufer, teilweise nur wenige Meter höher als das Umland, aber in der Ebene verschafft das ungeahnte Aussichten. In der Mitte dieses Hügelbogens die alte flämische Tuchhändlerstadt. In deren Mitte die Lakenhal, die Tuchhallen, in denen Tuche für ganz Europa im 13. Jahrhundert gehandelt wurden. Der Belfried inmitten der Tuchhallen sieht aus wieder der kleine Bruder des Londoner Big Ben, dessen architektonisches Vorbild er war. Es war der größte gotische Profanbau des Mittelalters, der hier im Oktober und November 1914 den Granaten unserer deutschen Artillerie zum Opfer fiel. Alles in Yprn ist neu aufgebaut, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Denn 1918 stand hier kaum noch ein Stein auf dem anderen. Wir verlassen das Städtchen mit den Rädern entlang der sternförmigen Befestigungsanlagen des 16. Jahrhunderts, denn bereits damals verlief in der Nähe die Grenze der habsburgerischen spanischen Niederlande zum Frankreich der Bourbonenkönige, entsprechende Kriege und Feldzüge gingen immer wieder über das Land. Wir biegen ab und fahren entlang eines alten, teilweise verlandeten Kanls bis wir auf die ersten Soldatenfriedhöfe treffen. Hier beginnt das Hügelland und damit die Hinterlassenschafte des Krieges. Soldatenfriedhöfe in beeindruckender, parkartig angelegter Form, zumeist mit einer Art Tempel oder einem Denkmal ausgestattet.
Parkähnlich angelegte, gepflegte Kriegsgräber. Allein die Zahl erschreckt
Doch diese Orte beherbergen das Grauen. Namen auf den Grabsteinen personifizieren die, deren Überreste mehr oder weniger vollständig hier begraben sind. Zerrissen von Artilleriegeschossen, durchsiebt von MG-Munition, vom Schrapnell oder mit weggeschossenen Gesichtern. Nachdem sie zuvor wochenlang in mit Regenwasser vollgelaufenen Gräben , mit klammen Klamotten am Leib, die niemals richtig trocken wurden, die Stellung gehalten hatten. Sie kamen aus Australien und Neuseeland. Ihre Vorfahren waren als kleine Diebe dorthin deportiert worden, sie hatten diese Länder mit aufgebaut. Un wurden nun zum sterben zurück nach Europa verschifft. Zusammen mit Südafrikanern. Deren Vorfahren wanderten im 17. Jhdt, aus den heutigen Niederlanden dorthin aus. Nun waren sie wieder in den Niederlanden - den südlichen, in Belgien. Inder, Iren, Gurkhas aus dem Himalaya. Kanadier, teils mit französischen Namen. Sie alle ruhen hier, sie alle halfen mit, als das alte Europa sich selbst vernichtete. Beeindruckend hier die vielen Gedenkkränze und Blumen, frisch von Engländern, vor allem aber Australiern und Neuseeländern hier hinterlegt.
Wir fahren weiter, aber den berüchtigten Hill 60 bei Zonnebeke , der komplett mehrfach in die Luft gesprengt wurde. Australische Bergleute unterminierten hier unsere deutschen Stellungen und jagten die Hügelkuppe in die Luft. Mit allem, was darauf verschanzt war. Die Deutschen revanchierten sich später auf die gleiche Weise. Weiter geht. es mit dem Rad. Ein Landsitz wurde zum interaktiven Museum umfunktioniert, Passchendaele. Der Ort wurde 1917 in der 3. Ypernschlacht zwischen Kanadiwen und Deutschen pulverisiert. Wir gehen durch den wunderschönen Park des Anwesend, fahren dann weiter durch den Ort und die abwechselungsreiche Hügellandschaft. Immer wieder tauchen die Türme von Ypern auf und zeigen mir, welchen Wert der Besitz dieser Anhöhen vor 100 Jahren hatte. Das Fahren der leichten Anstiege und der sanften Abfahrten macht Spaß, auch wenn die Gegend hier nun flacher wird, als wir uns Langemarck nähern. Ein Verkehrsschild, welches die grausige Erinnerung an die Schlachtfelder gesammelt wiedergibt, erregt meine Aufmerksamkeit.
Diese Radroute, schön zu fahren, endlose Aussichten bietend und einmal um die historische Stadt führend, ist für mich eine Stätte der Begegnung. Der Lebenden mit den Toten. Der heutigen Zeit mit der vor einhundert Jahren. Wir sind groß geworden in einem grenzenlosen Europa, die Kriege der Welt finden woanders statt. Aber hier sind sie immer gegenwärtig.Endlos wie der Horizont hinter Langemarck, dem nächsten Ort. Hier stürmten die schnell ausgebildeten unerfahrenen deutschen Freiwilligen im Oktober 1914 vor die Gewehre der Berufssoldaten des britischen Empire. Und fielen ebenfalls zu tausenden, darunter auch der Sohn der Bildhauerin Käthe Kollwitz. Auch der erste Gaseinsatz jährte sich im April zum 100. Mal. Der deutsche Soldatenfriedhof wirkt schlicht, ungepflegt und wie ein mahnender Kontrast zu denen des ehemaligen Empire. Dass man den Unterlegenen Angreifern kurz nach dem Krieg nicht gestatten würde, Heldendenkmäler zu errichten wie den Alliierten leuchtet ein. Was aber den Unterschied ausmacht: Hier legt kein Deutscher mehr eine Blume oder einen Kranz ab. Drei bis vier Generationen haben diese Ereignisse nicht mehr erreicht, sie sind für viele so fern wie Waterloo oder gar die Schlacht im Teutoburger Wald. In der westeuropäischen Welt wird dieses Krieges viel mehr und anders gedacht.
Deutscher Friedhof bei Langemarck
Das sehen wir auch am Ziel unserer Rundfahrt, in Ypern selbst. Dort steht das Menentor, von weitem wirkt es vor der kleinstädtischen Kulisse überdimensioniert.

Menentor mit Blick auf die Tuchhallen - auch Zieleinlauf des Flanders Fields Marathon 
Es wurde an Stelle des zerstörten Tores der alten Befestigugsanlagen errichtet, durch das die britischen Truppen zum Einsatz an die Front marschiert waren. Hier sind die Namen aller Soldaten des British Empire eingemeißelt, deren Leichen nicht gefunden werden konnten. Wände voll mit über 54.000 Namen und das sind nicht alle, alle ab dem 15.August 1917 bis 1918 vermissten sind am Tyne Cot Memorial in Passendale, den wir auch besucht hatten, an einer Gedenkwand eingraviert. Allein dieser Anblick stimmt nachdenklich, wenn man auch hier die weltweite Herkunft der Toten beachtet. An jedem Abend wird hier der Last Post, der britische Zapfenstreich geblasen. Den wollte ich mir in den 90ern immer schon einmal ansehen, was sich damals mit kleinen Kindern aber angesichts der Uhrzeit als unmöglich erwies. Heute warten wir diese Uhrzeit im eher stillen Ypern ab und erwarten so 30- 50 Zuschauer. Als wir uns gegen halb acht dem Bogen vom Marktplatz aus nähern, glauben wir kaum, welche Menschenmengen wir dort sehen. Viele englischsprachige Besucher, das Tor und das Umfeld ist voll.
Es wird die Geschichte eines vermissten Offiziers auf Englisch erzählt, ein Schicksal erhält hier Kontur. Dann werden Krenze und Blumen niedergelegt. Rote Mohnblüten, "Poppies", nach einem Gedicht "In Flanders Fields" des kanadische  Dichters Col. John McCrae, der hier kämpfte und fiel.
Es ist trotz der Menschenmenge im Gewölbe totenstill. 100 Jahre nach den Ereignissen wird hier täglich Menschen gedacht, die drei oder vier Generationen vor uns sterben mussten, weil die Regierungen Krieg als legitime Fortführung der Politik ansahen. Aber auch deutsche Soldaten starben hier. Und mit Blick auf den ungepflegten deutschen Friedhof denke ich schon daran, wie wir mit dem Gedenken umgehen. Denn im Gegensatz zum zweiten Weltkrieg, wo Hitler als Agressor Europa mutwillig mit Krieg überzog, trägt das deutsche Reich 1914 nach Meinung vieler rennomierter Historiker nicht mehr oder weniger Schuld an den Ereignissen, als Frankreich, Großbritannien, Österreich-Ungarn und Russland. Es ist gut, dass wir einander heute in Europa mit anderen Augen betrachten. Für mich ist jeder europäische Nachbar kein Fremder, sondern ein Landsmann in einem vereinigten Europa. Ich bemühe mich, seine Sprache zu verstehen oder mich sonstwie mit ihm/ihr zu verständigen, wie zuletzt auch im Startfeld des Strandlaufs in Knokke. Ich versuche, beim Einkaufen mich in Landessprache zu bedanken und zu grüßen. und die Symbole des Nachbarn zu respektieren. Dass die Geister der Vergangenheit aber schnell zu wecken sind, haben wir in den 90er Jahren auf dem Balkan gesehen oder sehen wir aktuell in der Ukraine. Daran sollten wir denken, ehe wir aufhören, miteinander zu reden.
Für mich war diese Radtour über gut 50 Kilometer eine Mahnung. Daran, wie jede blühende Landschaft in eine Hölle und wieder zurück verwandelt werden kann.
Demnächst laufen wir den Mauerweglauf. Auch entlang einer Hölle, wenngleich einer ganz anders gearteten. Einer Gefängnismauer, an der auch gestorben wurde. Aber das wird eine ganz andere Nummer. In jeder Beziehung.

Wer sich für die Gegend interessiert: Es gibt alljährlich im September den "Flanders Fields Marathon" von Nieuwpoort nach Ypern entlang der gesamten Frontlinie an der Ijzer, Zieleinlauf durch das Menentor vor die Tuchhallen auf dem Markt von Ypern. Ich bin ihn selbst noch nicht gelaufen, werde es aber unbedingt einmal erledigen. Wer mehr wissen möchte:

http://www.marathons.be/en/page/145_181/course.html

Laufen und nachdenken - hier schließt es sich einmal nicht aus. 

Freitag, 17. Juli 2015

Er ist wieder da!

So, da bin ich mal wieder. Nach dem Triathlon in Gladbeck gab es ja mehrere Faktoren, die mich vom Schreiben abgehalten hatte. Stress bei der Arbeit, Geburtstage meiner lieben Tochter - hier war es sogar der 18. - und meiner Claudia und jedes Wochenende mit einem Marathon ließen irgendwie keine Langeweile aufkommen. Und regelmäßges Training kam irgendwie auch nicht zustande.

Aber mal der Reihe nach.


Am ersten Juni-Wochenende stand zunächst der Rhein-Ruhr-Marathon mit unserem Job als Brems- und Zugläufer an. Das Wetter versprach warm zu werden, so gingen BuZ-Kollege Dennis John und ich das ganze ein klein wenig flotter an, da es auf er zweiten Hälfte erstens verdammt viel sonniger würde und man dort einfach mehr Zeit an den Versorgungsständen lassen sollte. Es war das erste Mal das Claudia und ich offziell als BuZler unterwegs sein dürften. Christel Valdez vom Orga-Team hatte das möglich gemacht. Man hat da ja schon eine gewisse Verantwortung und wenn wir diesen Job machen, wollen wir ihn auch gründlich machen. Also stattete ich uns mit gedruckten Armbänndern aus, die die Zeit jeden Kilometer anzeigten, denn Garmin-Messungen sind für diese Aufgabe zu ungenau. Wir starteten also etwas unter der nötigen 5:21er Pace, bewegten uns meist um die 5:18 um an den Kilometern mit Versorgungspunkten dann mal 5:24 zu brauchen um den Mitläufern, die sich in relativ großer Zahl um uns herum scharten, Gelegenheit zum Trinken zu geben.
Zur Hälfte in Homberg angekommen waren wir mit 1:51 gut 90 Sekunden vor der Zeit, aber das war ja geplant. Wie erwartet wurde es ab der langen Brückenrampe zur Brücke der Solidarität zwschen Rheinhausen und DU-Hochfeld zäher. Wir sammelten unseren Lauffreund Michael Gietmann ein, der uns aber nicht folgte. Und Marco, der unserer Gruppe ebenfalls bis hier, ungefähr km 25, gefolgt war, war plötzlich weg. Dafür bekamen wir "Besuch" von einem Läufer ohne Startnummer, offensichtlich der Vater einer der Läuferinnen, die mit uns die 3:45 angehen wollten. Die Dame lief ihren ersten Marathon und hielt sich bis hierhin ganz gut. Ihr Vater lief nun ständig vor unserer Gruppe her und versuchte, sie zum schnelleren Laufen zu bewegen. Immer so 5-10 Meter vor, sich ständig umdrehend und seine Tochter anfeuernd. "Wenn Du gescheit bist bleibst Du bei uns, der Marathon fängt jetzt erst richtig an" warnte ich sie und sie war so vernünftig, auf uns zu hören, während Ihr Vater immer von unter 3:40 sprach . Ich sah mich veranlasst, ihm einen kleinen Wink zu geben, dass das, was er der tut, erstens verboten ist und zweitens zur DQF seiner Tochter führen könne, wenn er nicht aufhöre, die Gruppe mit seiner Unruhe wuschig zu machen. Das wirkte, den fortan blieb er mit seiner Tochter meist hinter uns und war ruhig.
Ab 30 wurde es verdammt warm, die Sonne brannte und Schatten war rar. Ich motivierte zum Trinken, zum Weiterlaufen. Dennoch wurde die Gruppe naturgemäß kleiner. Ich einigte ich mit Dennis, dass ich nun versuche, zurückbleibende Läufer noch in der Zeit zu halten, während Dennis mit Vereinskollege Ralf, der uns dankenswerterweise inoffiziell unterstützte, das Tempo hielt. Es gelang mir, den einen oder anderen noch wieder auf die Beine zu bekommen, bis wir auf dem Kalkweg die letzten 2,5 Kilometer einläuteten. Hier blieben Dennis und ich dann an jeder Kilometermarke bis zur Sollzeit stehen und sammelten diejenigen ein, die noch eine Chance hatten, die 3:45 zu unterbieten. Das Mädchen mit ihrem Vater war gelichmäßg weiter gelaufen und mit einer knappe 3:44 ins Ziel ihres ersten Marathons gekommen, der Vater war vor dem Stadion wieder ausgestiegen. Kurz vor dem Stadion kämpfte ich noch mit einem älteren Läufer und einem jüngeren Triathleten. De Triathleten verlor ich, mit dem älteren Läufer kam ich nach Endspurt im Stadion des MSV Duisburg 15 Sekunden vor den 3:45 ins Ziel. Job Done, ich fühlte mich sehr gut. Das Mädchen kam irgendwann und bedankte sich, dass ich sie gebremst hatte. Sie war am Ende ganz schön fertig und hätte eine Tempoverschärfung nicht "überlebt". Dann das Warten auf Claudia, sie kam bereits mit Begleiter Dirk vom LC Duisburg in einer Zeit von 4:13 ins Ziel. Da war keiner mehr, den man hätte ziehen können und die, die es geschafft hatte, waren schon vorher "drin". In einer netten Runde mit Yvy, Henning, Marco, Kim und Claudia beendeten wir den netten Tag auf dem Rasen der Arena in der prallen Sonne.

Am folgenden Wochenende stand unsere "Kegeltour" zum Ahrathon auf dem Programm, in großer Gruppe von fast 25 Leuten ging es wieder nach Ahrweiler, um am Samstag den Marathon mit reichlich Spätburgunder an den Verpflegungsständen . Erst einmal trafen wir uns am Freitag direkt gegenüber unserer historschen Unterkunft in einer Weinwirtschaft, wo nach und nach alle unsere Lauffreunde eintrudelten. Außer Caudia und mir liefen alle "nur" den Halbmarathon, den sie dann in 3 Stunden un 33 Minuten auch finishten. Da die Halbmarathonis aber erst 2 Minuten nach uns starteten, bekamen wir unsere Freunde so unterwegs nicht zu Gesicht. Zudem regnete ist kurz nach dem Start und als es nach etwa 5 Kilometern den ersten Wein gab, regnete es bereits in Strömen.

Aber es lief sehr gut, auch den Spätburgunder und die leckeren Verpflegungshäppchen vertrug ich recht gut. In der zweiten Runde wurde das Wetter langsam besser, der Regen ließ nach, hörte später auf und machte der Sonne Platz. Die Luft würde dadurch natürlich recht feucht-schwül. Claudia vermisste das "ausschwitzen" des Alkohols in der ersten feuchten Runde und verzichtete in der zweiten dann auf Alkohol, wa sfür mich zur Folge hatte, dass ich noch mehr bekam. Dennoch fielen mir die lezten flachen Kilometer wesentlich leichter als im Vorjahr. In Ahrweiler motvierte ich einen pausierenden Musiker am V-Stand, für mich aufzuspielen. "Nur wenn Du mitsingst". Und völlig enthemmt trällerte ich dann mal den Klassiker "Lemon Tree" zur Gitarrenbegleitung. Über die Qualität meiner Sanngeskünste mag der geneigte Leser an dieser Stelle selbst urteilen, ich finde es desaströs. Aber Spaß gehört ja dazu. Dann noch die lange Gerade an der Ahr bis Bad Neuenahr und zurück durch den Kurpark zum Ziel. Mit 4:51 hatten wir unsere Ahrathon-Bestzeit um 3 Minuten gegenüber dem Vorjahr verbessert. Den Promillewert bei mir wohl aber auch....

Nach einigen Gläschen Wein im Ziel ging es zurück nach Ahrweiler, ehe wir uns am Abend erneut auf den Fußmarsch nach Bad Neuenahr zum Wein & Rock machten. Nach ein paar Schlückchen da hatte ich dann aber wirklich vom Alkohol genug, Leider war die Band in diesem Jahr nicht so gut wie im letzten Jahr, was am Ende ein wenig auf die Stimmung schlug. So entschlossen sich die meisten, mit uns den gut 5 Kilometer langen Rückweg wieder zu Fuß zurück zu legen. Das nüchterte aus.

Die folgende Woche war geprägt von privaten Verpflichtungen. Der 18. Geburtstag meiner "Kleinen" samt Party für all Ihre Freunde und Freundinnen, Familienfeier, Abi-Verleihung und Abi-Ball. Dennoch schafften wir es, zumindest am Samstag noch einen kleinen 21 km -Trainingslauf einzuschieben.

Den Mittwoch darauf waren wir schon wieder im Einsatz, der Essener Firmenlauf stand an. Seit meinem Start mit der Sparkasse im Vorjahr extrem ungeliebt, da mit 5,1 km recht kurz und auch noch gefühlt stetig bergauf. Ich startete mit Marco, Claudia mit Kim, wobei sie natürlich den leichteren Job hatte. Die arme Kim musste wieder alles geben, während Claudia neben ihr her traben konnte. Mit Marco hatte ich da mehr "Probleme". Ich vermied den Fehler ds Vorjahres, mich auf den ersten 800 metern, die steiler bergan führen, gleich mal kaputt zu rennen und wir gingen das mal verhaltener an. Nach etwa 1 1/2 Kilometern löste sich Marco ein wenig nach vorne, mehr als 20 Meter kam er jedoch nicht weg auf der Rüttenscheider Straße. Ein kurzer Schluck Wasser an Marc's Laden, gereicht von Laufkollegin Steffi, die hier mit half. Die Hälfte war geschafft. Bergab zur Gruga-Halle hatte ich Marco wieder eingeholt, dann ging es in die Gruga. Dort dann der gefürchtete letzte Anstieg. Und schlagartig war mein Kampfgeist weg. Während Marco voll motiviert den Berg hochzog, nahm ich die sich ergebende Temporeduktion widerstandslos hin und kam dann auch verdient einige Sekunden hinter Marco ins Ziel auf der großen Grugawiese. Ich war mit meiner Zeit von 22:04 durchaus zufrieden, wesentlich besser als im Vorjahr. Claudia kam mit Kim natürlich wieder in einer neuen PB rein, ich verpasste sie mal wieder. Mit einem leckeren Bier auf den Sitzkissen von RWE klang ein schöner Laufabend aus.


Am letzten Juni-Wochenende ging es dann mit Marco, Kim und Yvy zum Hasetal-Marathon nach Löningen. Der hatte uns im letzten Jahr so gut gefallen, dass wir gleich noch ein paar Leute mitgebracht hatte. Kaum im Emsland ausgestiegen, trafen wir auf Joerg und Silke vom TUSEM Essen, die hier auf Vereinsfahrt weilten. In der Umkleidekabine war alles voll LC Duisburg, auch Vereinsfahrt. Claudia, Yvy, Marco und Kim wollten den HM, das heißt auch her die erste Runde, denn es werden zwei Runden für den Marathon gelaufen, gemeinsam in Kims Tempo absolvieren, Yvy würde dann mit Claudia auf die zweite Runde gehen. Was sollte ich machen? Ich hatte eigentlich Lust auf ein etwas flotteres Tempo. Und glücklicherweise trafen wir Michael, jenen Läufer, den wir im letzten Jahr hier bei seinem ersten Marathon ab Kilometer 8 begleitet und am Ende unter 4 Stunden gezogen hatte. Heute wollte er seinen zweiten Marathon laufen, möglichst unter 3:45. Das traf sich gut. Schnell einigten wir uns, wieder zusammen zu laufen, hatte ja im Vorjahr so gut geklappt.
Es ist durchaus interessant, mit Leuten zu laufen, deren Trainingszustand man nicht einschätzen kann, aber wie Michael mir so berichtete, sollte er nach meiner Einschätzung dazu in der Lage sein.
Also ging es los mit einer Pace so um die 5:20, welche wir natürlich in der Euphorie der ersten Kilometer (aale so zwischen 5:04 und 5:10) erheblich unterschritten. Aber Michael machte einen gefestigten Eindruck, die Stimmung war gut und das Wetter warm. Die Sonne schien, so dasss uns die 18-20 Grad erheblich wärmer vorkamen. Die Stimmung an den Stimmungspunkten in jedem Dorf, durch das die Strecke führte, war gut und wir hatten einiges zu erzählen. Den HM passierten wir in der Fußgängerzone von Löningen unter 1:48 h, also etwas zu schnell. Wir nahmen uns daaher vor, jetzt aber wirklich Tempo herauszunehmen. Das gelang aber erst ab Kilometer 29, als die elend lange Landstraße in der prallen Abendsonne begann und kein Ende nahm. Das ist hier wirklich eine Geduldsprobe, und Michael hatte nun langsam zu kämpfen. Wir gabelten hier noch einen Läufer auf, auch ein Ultra, der im vergangenen Jahr den Mauerweglauf absolviert hatte. Wieder gab es etwas zu erzählen, er schien aber auch langsam kämpfen zu müssen. Auch ich hatte jetzt langsam die Nase voll, der dritte Marathon im Monat machte sich schon doch langsam auch bei mir bemerkbar. Endlich waren wir wieder an der Hase, wo uns leider auch ein schöner Gegenwind auf die letzten 4 Kilometer empfing. Michael ging jetzt an jedem

Verpflegungsstand, aber das war kein Problem. Wir waren ganz locker in der Zielzeit und das sagte ich ihm auch stets. Einen Kilometer vor dem Ziel hatte ich defnitiv keine Lust mehr, ich musste jetzt "laufen lassen". Die beiden würden es auch ohne mich locker unter 3:45 schaffen und so war es dann auch. Ich kam in eiiner 3:41er Zeit herein, Michael und unser Ultra in 3:42. Gut gelaunt gab es ein Alkoholfreies, ich gönnte mir ebenfalls eine Massage meiner Waden, denn die gab es hier ohne Wartezeiten. Dann irgendwann kamen auch Claudia und Yvy, sie hatten erst Kim zur - Bestzeit, was auch sonst - gezogen und waren dann etwas schneller geworden. 4:19 lautete ihr Ergebnis, und as reichte tatsächlich erneut zu Platz 1 und 2 der W45! Platz eins ging diesmal allerdigs an Yvy, die wohl Sekundenbruchteile vor Claudia die Ziellinie überquert hatte.
Hier gab es wieder die nette Party auf dem Marktplatz, diesmal mit total guter Musik und guter Stimmung der vielen LC'ler um uns herum. Die fuhren um zwei mit dem Bus wieder nach Duisburg, wir verabschiedeten uns gegen halb eins und machten uns auf die zweistündige Rückfahrt. Allen waren sich einig: Löningen war die Reise allemal wert.
Damit hatten wir jetzt im Juni 3 Marathonläufe bestritten, ich davon 2 unter 3:45, was ja durchaus ein flotteres Tempo ist und einen unter verschärften Bedingungen - will sagen Alkoholeinfluss und 900 Höhenmeter. Mal sehen, was der Juli bringen würde.

Vor allem erst mal Urlaub. Zwei Wochen in Belgien, natürlich auch dort mit einigen geplanten Laufkilometern. Denn Berlin rückt näher.....