Sonntag, 22. November 2015

Kalt lächelnd zur Bestzeit....als Pacer beim Blumensaat-Lauf mit Claudia

August Blumensaat - Essener Lauflegende und Inhaber des Deutschen Marathonrekordes im Jahre 1955 in 2:27:19 (Das laufen heute Frauen, aber die durften ja damals noch nicht!), mehrfacher deutscher Meister in der Königsdisziplin  und Namensgeber des heutigen Laufes am Baldeneysee. Was treibt einen in der Laufpause zu einem Lauf, der auf einer Piste am Hardenbergufer stattfindet, die Claudia und ich in- und auswändig kennen. Von den langen Läufen mit Laufsport Bunert Essen's Lauftreff und der Ausdauerschule. Irgendwie mag ich dieses Ufer aber. Die Sicht über den See, auf Förderturm und Villa Hügel in der Herbstsonne hat etwas.
Im letzten Jahre hatten wir am Halbmarathon teilgenommen und ich hatte Laufkollegen Jason zur Bestzeit gezogen. Damals war es recht warm. In diesem Jahr hatten wir ja eigentlich Laufpause verordnet. Umso überraschter war ich am letzten Sonntag Abend, als Claudia relativ spontan fragte, ob wir nicht doch am Blumensaat-Lauf teilnehmen sollten. Ich hatte weder Lust, einen 10er Vollgas zu laufen noch hielt ich es für besonders sinnvoll für meine Regeneration. "Du kannst ja mit mir laufen". Ich war überrascht. Claudia wahrscheinlich auch, aber so nahm der Wahnsinn seinen Lauf. Donnerstag beim Training der Ausdauerschule standen die obligatorischen 2 x 1000 Meter an, die vor jedem Laufwettkampf am Kursende als Wettkampfvorbereitung gelaufen werden. Im strömenden Regen. Das könnte laut Wetterbereicht auch am Samstag passieren, nur einige Grade kühler. Irgendwo stand etwas von Schee bis ins Flachland. Geiles Laufwetter nenne ich anders!
Ich gesellte mich dann mal zu Claudia und ordnete 4:40er Pace relativ spontan an. 4:40er Pace am Samstag in Essen würden eine 46:40 bedeuten, das müsste Claudia laufen können. Zur 4:47 wären dann 20 Sekunden "Luft", das wären knapp 4 Kilometer, die wir uns in 4:45 leisten könnten.
Ich hatte sie das letzte Mal 2012 in Alpen wirklich gezogen, auch bei einem 10er. Damals ging es das erste Mal unter 50 Minuten, 48:41 Minuten. Damals und bis heute ihre 10 km Bestzeit. (http://www.laufen-in-dortmund.de/stories/2012/alpen.htm )So richtig ernsthaft ist sie seitdem keinen 10-Kilometer-Lauf mehr gelaufen. Das konnte was geben.
Samstag machten wir uns zeitig auf, denn schon um 12:30 Uhr sollte der Startschuss fallen.
Startunterlagen hatte Claudia schon geholt, während ich den Parkplatz suchte und fand. Wir sammelten uns mit dem relativ übersichtlichen Aufgebot der Ausdauerschule am Bunert-Stand von Marc Böhme zusammen. Besonders angespannt wirkte Claudia nicht, wahrscheinlich, weil es ihr wirklich nicht so wichtig war und es viel gute Gründe gegeben hätte, wenn es nicht geklappt hätte.
Das sind im Grunde gute Voraussetzungen.
Vor dem Start mit Michael und Irek
Auch ich habe immer noch Respekt vor einer 4:40er Pace beim 10er, denn im Training empfinde ich das durchaus als sehr anstrengend. Aber der Wettkampf macht ja immer alles leichter. Wir laufen uns mit der Ausdauerschule ein, ein kurzes Stück über die Brücke Richtung Heisingen, ein bisschen Lauf ABC, Dehnen und ein paar Steigerungen. Irgendwie bin ich schon froh, dass ich kein Vollgas geben muss.
Wir laufen beide lange genug und kennen uns ja auch schon ein paar Jahre länger um zu wissen, dass Pacemaking beim Partner immer etwas anderes ist, als bei irgend einem Bekannten.
Wir begaben uns recht spät in die Startaufstellung und drängelten uns nach vorne. Das Wetter meinte es trotz der kühlen Temperaturen von nur 6-7 Grad gut mit uns, denn der Wind war nicht allzu stark und die Sonne kam gerade ein wenig heraus. Im Grunde ideales Wetter, warm würde uns bei dem angepeilten Tempo schon werden. Dann erklang der Startschuss. Zu beginn ist es recht voll, aber Claudia und ich können recht schnell unser Tempo laufen. Was heißt "unser Tempo" - ich muss Claudia immer wieder bremsen, dennoch sind wir mit teilweise 4:25er Pace zu schnell unterwegs.
Warmlaufen mit der Ausdauerschule, Claudia vorne weg
Mit gut 4:34 endet der erste wuselige Kilometer und damit zu schnell, es muss jetzt rapide langsamer werden. Claudia musste hier natürlich gebremst werden, denn das, was jetzt zu schnell ist, gibt es am Ende doppelt und dreifach obendrauf. Vor uns wurde teilweise unschön gedrängelt, der Preis der relativ engen Startaufstellung. Ein Läufer fiel hin, konnte aber schnell aufstehen und den Lauf fortsetzen. So etwas muss nicht sein, für eine Sekunde darf ich keinen anderen Läufer gefährden!
Der See strahlte im Licht der Herbstsonne, Ruderer trainierten unter den Megafon-Anweisungen ihrer Trainer. Vor uns eine Triathletin vom Moerser TV, die sich bereits teilweise mit uns warm gelaufen hatte. Die sah zu schnell aus, wir mussten Tempo reduzieren. So groß war das Vertrauen in Claudia dann auch nicht, dass sie mal eben eine 45er Zeit hinlegen könne. Bisher lief sie ruhig und sah locker aus. Die nächsten Kilometer liefen wir recht konstant mit 4:38 Min. laut meiner Uhr, ich bemerkte jedoch schon, dass sie immer früher vor den Kilometerschildern den Kilometer anzeigte, also wäre das Tempo damit wohl genau richtig. Claudia keuchte schon ganz gut, ihr Laufstil sah aber noch sauber aus. Bei Haus Scheppen, wo die Strecke um einen kleinen Segelhafen einen Bogen beschreibt und die Straße aus E-Fischlaken einmündet, sind einige Kurven auf der ansonsten fast geraden Strecke zu laufen. Hier stand Silke vom TuSEM als Streckeposten und rief uns ein paar aufmunternde Worte zu, auch eiunige Leute beim Biker-Treff applaudierten, während der hier so typische Geruch nach Frittenfett uns begleitete. So wurden wir wieder etwas zu schnell, ich versuchte, mit abbremsen und kleinen Zielvorgabe wie "Gleich kommt schon der Wendepunkt"(dreiste Lüge!), "Da siehst Du schon die Villa Hügel" und "Ab dem Wendepunkt dann nur noch nach Hause" meine Frau bei Laune zu halten.
Foto: Wolfgang Steeg www.catfun-foto.de
Ich lief außen, Claudia innen um die enge Kurve. Noch 5 Kilometer, Zwischenzeit 23:10 vor der Wendemarke, das war etwas zu schnell. Also wollte ich Tempo herausnehmen. Vor dem Verpflegungspunkt fragte ich Claudia, ob sie trinken wolle, aber sie verneinte. Also liefen wir durch. Ich merkte, dass es Claudia immer schwerer fiel, das Tempo zu halten und blieb jetzt bewusst auch mal kurz bei 4:41er Pace. Die nächsten zwei Kilometer etwas langsamer, dann würde sie von alleine wieder schneller werden. Die Zeit dazu hatten wir.Ab und an erkannten wir entgegenkommende Laufkolleginnen und -kollegen. Einige rufen uns etwas aufmunterndes zu, es scheint kurzfristig zu wirken. Ich sehe Anna aus Wuppertal. Sie scheint zu kämpfen, ist aber schon deutlich hinter uns.  "Gleich sind wir schon wieder am Haus Scheppen" log ich erneut, wohl wissend, das Claudia auch weiß, dass wir da noch lange nicht sind. Sie keucht bereits hörbar schräg hinter mir. Die Pace sinkt. Habe ich ihr zuviel zugetraut? Sie würgt."Mir ist schlecht". Das könnte uns natürlich einen Strich durch die Rechnung machen."Egal, wenn Du langsamer wirst, ist es genauso Sch... und dauert nur länger" versuche ich in meiner charmanten Art, sie aufzubauen. Wir sind bei Haus Scheppen. Silke feuert uns nochmal an. Claudia wird plötzlich deutlich langsamer und würgt. Jetzt weiß ich, dass Alarmstufe Rot herrscht. Ich nehme deutlich Tempo raus, bleibe selbst sogar kurz stehen. Einige Läufer überholen uns. "Egal, die sind eh schneller. Wir haben Zeit genug, lass uns ruhig wieder anlaufen". Hier überwog bei mir jetzt schon das Prinzip Hoffnung, aber ich wusste, dass meine Frau ein zähes Luder ist und wenn es irgendwie ginge, schon weiterlaufen würde. Tempo könnte man ganz moderat wieder steigern, denn wir waren jetzt knapp über der 5er Pace, der Gesamtschnitt lag aber noch bei 4:38 und somit dank der etwas zu schnellen Anfangskilometer knapp im Soll. Viel langsamer durften wir für die "46" vor dem Doppelpunkt jetzt aber nicht mehr werden. Ich war beruhigt, dass dieser 8. Kilometer nur eine 4:45 auswies, wir hatten beim kurzen Stopp also kaum etwas verloren. Noch drei Kilometer, Rückenwind und bald das Ziel in Sicht, dank des langen Linksbogens, den der See hier beschreibt. Ich lobe nochmal ihren runden Laufstil, aber Claudia sieht eigentlich aschfahl im Gesicht und übelst angestrengt aus. Aber der Laufstil passt wirklich noch. "Ich werde für diese Distanz nie wieder behaupten, dass Du Deine Möglichkeiten nicht ausschöpfst, wenn Du das hier durchziehst!" versprach ich ihr und dies in voller Überzeugung. Meine Frau ist hier wirklich am Limit und knapp darüber. "Saug Dich an der Gruppe da vorne fest, lass sie nicht weiter weg!" fordere ich sie auf. Wir bleiben tatsächlich eine Zeit lang in konstantem Abstand. Eine Läuferin läuft auf unserer Höhe, es sind noch zwei Kilometer. "Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein" zitiere ich laut Brecht. Die Läuferin links neben mir grins mich gequält an."Dann lass uns mal großen Sport bieten, ich sehe schon die Brücke!" Wir haben Kilometer 9 fast erreicht, die Frau neben uns ist nach hinten weg und die Gruppe setzt sich auch nach vorne ab. "Da ist Marinja!" sehe ich eine Laufkollegin im pinken Shirt der Ausdauerschule. Die ist viel besser, läuft in meiner schnellen Trainingsgruppe. Da muss was nicht in Ordnung sein. Sie stand kurz an einer Bank, Claudia fragte kurz etwas, dann versuchte sie ein kleines Stück, mit uns mit zu laufen, fällt aber ab.
Foto Wolfgang Steeg  www.catfun-foto.de
Magenprobleme. Kennen wir! Kilometer 9 zeigte dann wieder die 4:39 an. Wir hattet tatsächlich wieder unsere "Reisegeschwindigkeit" erreicht. Ich blickte auf die Uhr. 41 Minuten und 45 Sekunden. Für einen Kilometer und ein paar Meter mehr. "Zielgerade" versuche ich den Endspurt einzuleiten. "jetzt kommt Dein stärkster Kilometer!" So wie sie keucht, muss ich schon sehr überzeugend wirken, damit dass jetzt noch hilft. Wir werden schneller, die Gruppe vor uns zum Großteil aber noch mehr. Ich versuche, das Tempo irgendwie hoch zu halten, denn ich weiß, dass es knapp werden könnte. Das, was mein Garmin Kilometer mäßig nachgeht, ist schwer zu schätzen. Aber wenn es nun schon 200 Meter sind, dann sind das selbst im höchsten Tempo 40 Sekunden, die obendrauf kämen. Das schafft Claudia nicht mehr. Sie schafft immerhin knapp unter 4:30er Pace zu bleiben, das hätten wir vor zwei Kilometern nicht mehr geglaubt. Dann die letzte Kurve, nun geht es gerade auf das Ziel zu. Nur noch die kleine Brücke über den Deilbach stellt ein kleines Hindernis dar, aber zugleich die Marke für den Beginn des echten Endspurtes, denn sie liegt etwa 200 Meter vor dem Ziel. Du denkst, der
eine Meter hinauf über die Brücke ist ja nichts, aber Claudia hat es zu dem Zeitpunkt als Berg empfunden. Du hast noch eine Minute, sage ich zu Claudia. "So lange ist das nicht mehr!" ruft uns aufmunternd der Streckenposten an der Brücke zu. "Zieh" ,"Komm, komm" versuche ich, Claudia auf Tempo zu bringen. Und tatsächlich kommt etwas um die 4er Pace dabei heraus. Die Geräusche, die aus dem Mund meiner Gattin kommen, möchte ich hier lieber nicht beschreiben. Später sagte sie, jemand anders in der Tonlage wäre ihr ziemlich auf den Geist gegangen. Das Ziel rückt schneller näher als gedacht, dann sind wir da. 46:48 Min. zeigt meine Uhr an.
Foto www.photobello.de - Das berühmte Claudia-Lächeln ist weg!
Wir haben es geschafft. Claudia sinkt sofort auf den Boden. Ein Zuschauer kommt dazu."Sie soll aufstehen, der Boden ist zu kalt!""Lass mal, ist schon in Ordnung. Ist meine Frau, ich bin da!" Sie muss jetzt kurz liegen, das müsste ich auch und eine kleine Erkältung wäre bei dieser super Zeit auch egal. Mann bin ich stolz auf uns. Claudia kommt schnell wieder "zur Besinnung" . Wir treffen natürlich alle möglichen Bekannte im Ziel und gratulieren uns gegenseitig. Claudia hat glaube ich, noch gar nicht erfasst, was sie hier gerade gelaufen ist. Die Bestzeit über 10 Kilometer um fast 2 Minuten nach unten zu korrigieren, ist eine grandiose Leistung. Aber wohl auch das, was mit dem momentanen Training für sie zu leisten möglich war. Ich bin mächtig stolz auf meine Frau, aber auch auf mich, dass ich sie so realistisch einschätzen und ins Ziel bringen konnte. Vor dem Start zum Halbmarathon, den wir uns noch ansehen wollen, gönnen wir uns eine leckere Waffel und dann, als wir zunächst mit Marinja und später mit Ute unsere Trainingskollegen anfeuern, noch einen Glühwein. Das hat Claudia sich aber auch schwer verdient nach ihrem Höllenritt.
Im Ziel und wieder aufgestanden!

Geschafft - mit Marinja, Heike und Claudia
Ihre und auch meine Meinung, das Zehner so ziemlich das Letzte sind, hat dieser Lauf sicher nicht revidiert. Aber meine Frau ist mal wieder an ihre andere Leistungsgrenze gegangen undhat nach dem HM in Venlo ihre zweite verbesserungsfähige Marke deutlich nach oben korrigiert, wo sich meiner Meinung nach auch hingehört. Hätte ich solch eine Leistung an diesem Tage auch bringen können? Ich glaube nicht. Wo immer diese Motivation, die Claudia sich im Laufe der Woche aufgebaut hat, auch herkam. Ich hätte sie nicht gehabt. Ehrlich. Aber ich wünsche mir irgendwann auch einmal einen Pacer, der mich exakt so ins Ziel treibt. Aber bei uns Männern ist die Luft ja da schon deutlich dünner, denn der Pacer müsste ja 36 bis 37 Minuten Locke laufen können, um mich auf eine 40er Zeit zu treiben. Na ja, ist ja noch ein wenig hin bis zum nächsten dieser ekeligen Distanzen.....

Samstag, 7. November 2015

Höchststrafe Laufpause?

Jetzt sitze ich hier auf der Couch. Nein, ich will nicht schimpfen, denn heute bin ich einfach mal 14 Kilometer gelaufen. Jan Fitschen kam zu Bunerts Lauftreff an den Baldeneysee, wenn auch nur mit dem Fahrrad. Da wollten wir nicht fehlen, zumal wir auch schon lange nicht mehr da waren.
Foto Wolfgang Steeg - Catfun http://www.catfun-foto.de/

Nach Frankfurt (näheres unter http://www.laufen-in-dortmund.de/stories/2015/frankfurt.htm) hatte Trainer Sven Schulz-Bargmann, gemeinhin von mir als Schleifer-Sven tituliert, mir empfohlen, nur die Donnerstags-Enheiten der Ausdauerschule im November mit zu machen und ansonsten die Füße ruhig zu halten. So hatte ich mich in der letzten Woche dann sogar in die langsamere Tempogruppe einsortiert. "Der Thomas kommt heute wieder zu mier in die schnelle Gruppe, der Welpenschutz ist abgelaufen!" So eröffnete Schleifer-Sven am letzten Donnerstag das Training, also folgte ich brav und reihte mich wieder bei den flotteren Kollegen ein. Dann durfte ich mit Sicherheit auch am Samstag mal eine lockere 14 Kilometer-Runde um den Lago di Baldini laufen, wo doch schon der Europameister auf dem Rad dabei sein sollte.

Nun, die langen Steigerungen über jeweils zwei Minuten von 5:15er Pace über 4:45, 4:30 bis 4:05-4:10 und das ganze dann 4 Mal hintereinander liefen überraschend gut, dennoch wollte ich mit den ganz schnellen Dingern wegen meines Knies vorsichtig sein. So ganz traue ich meinem Meniskus nämlich noch nicht. Ansonsten möchte ich die Pause im November tatsächlich einhalten, denn ich will dann ab Dezember langsam wieder in die Vorbereitung des ersten Halbjahres einsteigen. Das soll für mich mit dem Two Oceans Marathon in Kapstadt und der TorTour de Ruhr ja zwei ganz besondere Highlights bereit halten, die möchte ich gesund und erfolgreich absolvieren.

Es ist schon recht hart, die schönen Herbstläufe bei dem traumhaften Wetter auslassen zu müssen. Bottrop wäre ich zum Beispiele am Sonntag gerne gelaufen - so ein 50er geht ja bekanntlich immer ;). Aber egal, heute habe ich die lockere Runde in Essen bei fast sommerlichen Temperaturen genießen können, jetzt eben wieder Pause bis zum Donnerstag.

Dagegen macht es auch Spaß, das kommende Jahr zu planen. Unser Kalender füllt sich ja. Aber der Reihe nach. In diesem Jahr freue ich mich noch auf den nun schon traditionellen Nikolauslauf in Oberhausen-Schmachtendorf, natürlich im Weihnachtsmannköstüm mit Glühwein und einem Zeitziel jenseits der 60 Minuten für die 10 Kilometer.
Nikolauslauf 2014 - Der Zielsprint
Dann steht am 3.Aventswochenenden noch unser schöner Kurzurlaub auf Ameland mit unseren Freunden Kim, Marco, Henning und Yvy und einem schönen Halbmarathon an. Am 27.12. veranstaltet Oli Witzke den Bergischen Wupperlauf über die Marathondistanz mit reichlich Höhenmetern, Silvester gibt es natürlich wieder die 15 Kilometer von Werl nach Soest und ab Dezember darf ich ja auch wieder ein wenig normal trainieren.

Das Frühjahr füllt sich dann mit dem Kapstadt bzw. TTdR-Highlight als Ziel. Schleifer-Sven hat uns mal auf einem seiner Vorträge, ich glaube es war auf der ersten AIDA-Laufreise, etwas von einer höchstens "Zweigipfeligen Saisonplanung" erzählt, die man im Langstreckenlauf vornehmen sollte. Damit wäre Kapstadt noch nicht einmal ein "Gipfel", sondern ein Trainingslauf zur TorTour de Ruhr.Das heißt ja, dass man sich auf ein Event konzentrieren soll und alle anderen Läufe dem unterordnen. So wird es sein. Aktuell plane ich nach dem Silvesterlauf, den ich wieder flott angehen möchte, in Bertlich am 14.2. erstmals den Marathon zu laufen. Dort starten dann traditionell die Two-Oceans-Starter unserer Reisegruppe, um sich mit diesem Lauf auf dem 56 Kilometer zwischen Indischem und Atlantischen Ozean vorzubereiten. Mitte März steht dann der 6-Stunden-Lauf in Münster an. Und am 23./24.5. findet dann am Seilersee der 24-Stunden-Lauf an, wo wir dann insbesondere das Ultra-Nacht-Laufen üben können werden. Wenn es klappt, kommen dann vom 30.4. bis zum 5.5. noch die Riesenbecker Sixdays dazu, ehe die TorTour de Ruhr am 15.5. beginnt. Sieht für mich nach einer relativ runden Planung aus, der eine oder andere längere Trainingslauf wird dazu kommen.

Das "Gipfel" ist hier also rein sportlich gemeint. Die anderen gemeinsamen Läufe mit unseren Lauffreunden werden wir nicht am totalen Limit laufen, aber mit viel Spaß genießen bleibt zu hoffen, dass wir so gesund bleiben, dass wir dieses tolle Programm auch abspulen dürfen. Und darum mache ich jetzt weiter Pause!

Montag, 26. Oktober 2015

Von Berlin nach Frankfurt


Puh, lange nicht mehr den Blog gefüttert. Aber es war in jeder Beziehung so viel los in dieser Zeit. Ich hatte vielfach den Kopf nicht frei dafür. Aber der Reihe nach.
Nach dem Trail des 600 Boitheux war ich ja recht euphorisch was mein Knie angeht. Die Läufe in der zweiten Septemberwoche gingen trotz strammen Tempos ganz gut und ich fing schien an zu bedauern, mich als Zugläufer für Laufkollegen selbst begrenzt zu haben, was den Frankfurt-Marathon so angeht. Eine schöne 55 Minuten Runde mit Ausdauerschulen-Kollegen Matthias, relativ spontan verabredet, gefiel uns beiden am sonnigen Rheinufer und im windigen Binsheimer Feld gut. Das Knie zwickte nicht, auch bei 4:47er Pace über 55 Minuten. Am Samstag stand dann nochmal Rennradtraining mit der Ausdauerschule an, Windschattenfahren und der "belgische Kreisel" waren hier das Thema, ging über 60 Kilometer und war durchaus nicht unanstrengend. Sonntag, den 13.9. dann der erste lange Lauf in hohem Tempo. Die wechselnden Zeitintervalle schrieb ich mir auf einen Zettel, dann ging ich am Sonntag morgen alleine los auf meine 25 Kilometer-Tour. Ich wollte mal wieder die Rheinbrückenrunde über die A42-Brücke und zurück über Ruhrort nehmen. Auf der Brücke, am Ende meines ersten GAT 2- Tempoabschnittes erreichte ich einen jungen Laufkollegen samt Radbegleiter. Wir kamen ins Gespräch. Er war erst 25 und bereitete sich auf seinen ersten Marathon in Düsseldorf 2016 vor. Eine etwa 11 Kilometer-Runde hatte er vor. Wir liefen einStücj gemeinsam und er stellte mir viele Fragen, nachdem ich mich als recht erfahrener Läufer geoutet hatte. Es war sehr interessant, ich fragte dann mal einfach, ob er gleich auch einmal meinen Kilometer in 4:30er Pace mal mitgehen wolle. Denn so unfit wirkte er nicht. Gemeinsam absolvierten wir den Tempokilometer. Danach war der junge Kollege aber sichtlich angeschlagen, so dass ich mein Tempo von 4:50 mal auf knapp über 5 reduzieren musste. Er fragte mich ziemlich viel, was so die Trainingsverteilung und auch die Ernährung (da bin ich wohl eher nicht der richtige Ansprechpartner) angeht. Macht auch mal Spaß, Tipps weiter zu geben. Ich verabschiedete mich hinter der Ruhrorter Rheinbrücke und machte mich auf die 6 Kilometer Heimweg. Am Ende, nach fast 23 Kilometern, war es dann wieder da. Mein rechtes Knie. Das Knie war natürlich die ganze Zeit über da, aber nun spürte ich es in Gestalt des wohlbekannten stechenden Schmerzes im Bereich des Innenmeniskus. So ein Sch.... . Ich wähnte es bereits erledigt und nun wieder das.
Das sind Momente, wo die Angst in einem hochkriecht. Ich schiebe es wieder auf die Belastung und sage mir, dass Knorpel halt Zeit zur Regeneration braucht. Fest steht, dass es scheinbar nur nach schnellen Belastungen auftritt. Zwei Tage Später ein gesteigerter DL über gut 9 Kilometer. Mit 5:30er PAce angefangen und ale 5 Minuten die Pace um 10 Sekunden beschleunigt, am Ende alles was ging (4:13er PAce über 5 Minuten ging), aber da deutete sich bereits der Knieschmerz wieder an. Ziemlich frustriert ging es danach zum Stabi-Training. Mittwoch war dann mal Pause, Donnerstag stand das ungeliebte 2/1-2/1 auf dem Programm des gemeinsamen Trainings der Ausdauerschule Hier wird immer 2 Minuten bzw. 1 Minute gelaufen, was geht. Danach gibt es eine Minute Trabpause. Das Ganze vier mal, dann war ich gut durch, wie man so schön sagt. Mit einer Pace irgendwo zwischen 3:30 und 3:47, die letzte Minute in 3:12, wurde das abgespult. Mein Knie meldete sich nicht, waren aber auch nur 7,5 Kilometer. Grund zum Optimismus? Ich weiß es nicht. Das Tempo fiel mir nicht mehr so leicht, aber so schnell muss ich ja in Frankfurt auch nicht sein. Ich merke jetzt und hier, dass es plötzlich alles nicht mehr so leicht ist. Mein Körper ist keine Maschine, er schreit nach einer Auszeit. Aber ich will ihn nicht erhören. Denn das gehörte nicht zu meinem Plan.
Freitag dann mal wieder ein ultimativer Knie-Test: Knapp 17 Kilometer bei herrliche sonnigem Wetter entlang des Rheins und^durch den Wald un 4:47er Pace. Es lief. Und mein Knie lief schmerzfrei.Immerhin schafft es nun wieder 17 Kilometer, ohne zu maulen. Aber Sonntag würde es sich zeigen, was Sache ist. Denn der 7. LiDoMa stand endlich an. 8 Runden um das Schloß Nordkirchen, das "westfälische Versailles", viele nette Leute und die liebevolle und engagierte Organisation von Frank Pachura.
Für mich zwar nur ein Trainingslauf, aber ein echter Test für meine lädierten Extremitäten. Wie würde es laufen? Ich hatte eigentlich beschlossen, das ganze dann mal langsam anzugehen, denn langsam ist für mich nun die Alternative, das ging ja in Belgien beim Trail auch. Ehe ich Frankfurt gar nicht laufe, laufe ich dort eher in 4 Stunden, wenn es dafür meiner Gesundheit nicht schadet.
Mit Marco und Kim fuhren wir nach Westfalen, wobei die beiden wegen des eine Woche später anstehenden Berlin-Marathons nur als Helfer dabei waren. Es gab ein großes Hallo, viele bekannte Gesichter erfreuten uns durch ihre Anwesenheit, dann standen wir schon am Start. Das Wetter meinte es gut, zwar war die Sonne der vergangenen Tage einer dichten Wolkendecke gewichen, aber es sollte trocken bleiben. Ich war zunächst in einer Gruppe mit "Ironman" Uwe und Michael aus Essen unterwegs. Mit Uwe war ich schon den ersten LiDoMa gelaufen, Michael kannte ich mehr oder weniger flüchtig aus den sozialen Netzwerken und vom gelegentlichen Sehen am Baldeneysee in Essen. Michael wollte gerne unter 4 Stunden laufen, das sollte kein Problem für uns sein.
Wir unterhielten uns  angeregt, es verging Kilometer um Kilometer auf einer kurzweiligen und schönen Runde. Ups, die erste Hälfte war in 1:47 etwas zu flott dahingegangen. "Wenn es so weitergeht laufen wir eine 3:35, Michael".Das wäre PB, aber da war schon klar, dass wir das Tempo nicht würden halten können. Für mich erschien es kein Problem, aber die Vernunft mahnte auch mich zum Bremsen. Nicht schon wieder die gelbe Karte von meinem Körper.
Fröhlich Läufergeschichten austauschen ging es dann deutlich langsamer in die zweite Hälfte. Ich gab phasenweise den "Sklaventreiber", um die Pausen am üppig gedeckten Verpflegungstisch nicht zu lang werden zu lassen. In den letzten Runden machten wir dann kurze Gehpausen, weil Michael kleine Probleme hatte. Komischerweise merkte ich in der letzten Gehpause mein Knie, aber beim Gehen, nicht etwa beim Wiederanlaufen. Egal, ohne wesentliche Schmerzen ging es dann gut gelaunt mit Michael in 3:57 ins Ziel. Damit hatte er seine sub 4 und ich die Gewissheit, dass ich Frankfurt würde laufen können. Danke von hier noch einmal an Frank und sein Team für eine wieder mal unvergessliche Lauffveranstaltung in tollem Ambiente. Vor allem aber für die Sicherheit, dass ich doch Marathon laufen kann.
Die letzte Septemberwoche stand im Zeichen einer kurzen Regeneration nach dem Marathon in Nordkirchen. Den Samstag nutzen wir zu einer letzten Rennradausfahrt durch unsere Felder. Ach ja, der Laktattest bescheinigte uns sehr guten Trainingszustand. Aber das war mir eigentlich schon vorher klar.
Am Freitag dem 2.10. dann die ersten Vorboten der Wende in meiner Trainingseuphorie. Bei schönem sonnigem, aber etwas windigem Herbstwetter ging ich auf die 24 Kilometer-Runde Tempowechsellauf, wie es mir der Schleifer mehrfach in den Trainingsplan geschrieben hat. Erst 10 Minuten regenerativ, dann die meiste Zeit in GAT 1, wa ich dann mal so als Marathon-Renntempo von 4:45-4:50 interpretierte, dazwischen zwei Mal 15 Minuten in 4:30 - 4:35er Pace dazwischen. Das erste Mal ging es noch ganz gut, dazischen fielen mir phasenweise die 4:50 schon nicht leicht und in der Vierbaumer Heide musste ich die zweite Viertelstunde 4:30 schon gut knautschen. Was war ich froh, dass ich zuhause war. Knapp 24 Kilometer. Und die nächsten beiden Tage dann pausenlos auf dem Fahrrad, denn wir wollten mit Marco und Kim die Ruhr von Winterberg bis Duisburg abfahren. Streckenbesichtigung für unser kleines Pfingstprojekt 2016. An dieser Stelle möchte ich nicht über das wunderschöne Wochenende auf unseren Rädern mit Marco und Kim berichten, das würde den Rahmen sprengen.
Jedenfalls gehen irgendwo auch die knapp 250 Radkilometer in zwei Tagen auf die Knochen, das spürte ich am Montag beim 40  Minuten Tempolauf bei herbstgrauem Wetter. Ich kam nur auf einen Schnitt von 4.38 und nichts ging mehr leicht. Na gut, Freitag den anstrengenden langen Lauf, die ganzen Radkilometer und dann gleich wieder Tempo....
Aber das gute Gefühl sollte nicht mehr so ganz wiederkommen. Auch die zwei Mal 3,5 Kilometer, unterwegs garniert von leichten Knieproblemen bei 4:05er Pace, beim Training der Ausdauerschule ging nicht eben leicht aus dem Fuß. Für den Traildorado am Wochenende in Arnsberg, auch hier genial organisiert von Michel Ufer und seinem Team um Heiko Thoms , hatte Schleifer Sven mir drei Trainingseinheiten, sozusagen ein Mini-Trainingslager, in den Plan geschrieben. Da ich auch noch zwei Vorträge halten sollte, waren damit die 24 Stunden durchaus sinnvoll gefüllt. Ein Bett hatten Claudia und ich ja auch gebucht.
Die 4,1 Kilometer-Runde war extrem anspruchsvoll, nicht allein wegen der 120 Höhenmeter fast ausschließlich im ersten Teil der Strecke, auch wegen der rutschigen Wege, die gerade bergab zum Problem werden könnten. Eine Sturzverletzung zwei Wochen vor Frankfurt wäre fatal. Und genau das passierte Claudia. Ein blödes Überholmanöver und schon war der Fuß umgeknickt, sie auf den Knien gelandet, diese geprellt und die Emaille beidseitig ab. Mit blutenden Knien lieferten Heiko und ich sie beim Sani ab und ich machte mich auf meine 3 schnellen Runden. Die waren ganz schön heftig, zwischendurch bekam ich dann  mit, dass Claudia schon wieder auf der Piste war. Das beruhigte natürlich ungemein. Als ich, zugegeben ziemlich am Ende, meine Dauerüberhol-Vollgas-Runden endlich geschafft hatte, lief sie noch ein Weilchen weiter, ehe ich sie dann nach meinem Vortrag aus dem Rennen nehmen konnte. In der Nacht, besser am späten Abend drehten wir noch drei Runden, fanden es dann im Hinblick auf Frankfurt und Claudias Prellungen zu riskant und gingen dann schlafen bzw. ans Lagerfeuer.

Am Sonntag Morgen kam Claudia kaum aus dem Bett, die Ruhe hatte diesmal den lädierten Beinen wohl nicht gut getan. Nach dem Frühstück ging es bei herrlich kaltem, sonnigem Wetter wieder auf die Piste. Bei Claudia rollte es sich ein während ich noch einmal einen Vortrag über den K78 hielt. Danach standen 3 Runden zügig auf dem Plan. Die machten am Morgen richtig Spaß, die Rundenzeiten waren knapp langsamer als am Samstag, aber dennoch konstant flott.
Der Montag danach kam mit deutlichem Muskelkater und einem offensichtlich gereizten Nerv im Rücken, der einen leichten Schmerz in den linken hinteren Oberschenkel ausstrahlte. Super! Da war dann wohl ein weiteres Problem, den schnellen und langen bergab-Passagen und den gekrümmt gelaufenen steilen Anstiegen sei Dank!
Zwei Tage Pause laut Plan waren nötig, besserten die Lage aber nur geringfügig. Scheint, dass mein Körper schon mal gerne Pause machen würde...
Mittwoch quälte ich mich dann irgendwie durch die 40 Minuten Tempowechsellauf 4 Minuten 4:45/4:20er Pace. So richtig lustig war es nicht und fast hätte ich mich verzählt. War dann regelrecht geschockt, dass ich nochmal ran musste. Es verdichtete sich die Erkenntnis, dass die Lockerheit und die Euphorie der ersten Septemberwochen unwiederbringlich verloren war. Gut, dass bald das Tapering beginnen sollte. Am Samstag vor Frankfurt hatte ich mich nur für die letzten 70 Minuten zügig mit 15 Minuten Vollgas mit Marco und einem Laufkollegen aus dem Nachbarort verabredet. Der Lauf gaing dann nochmal gut, wobei die 15 Minuten unter 4:30 schon hart waren. Aber zusammen geht alles besser.
Jetzt beginnt die mentale Vorbereitung. Ich sah mir nochmal die Bilder der letzten Jahre an, das Streckenvideo (überflüssig, kenne die Strecke nach inzwischen drei Durchläufen auswändig) und freue mich. Ziele? Nachdem mein lieber Werner mir leider verletzungsbedingt weggebrochen ist, werde ich versuchen, Trainingskollege Dominik unter 3:25 h zu ziehen. Ob ich das schaffen werde? Ein Restzweifel blieb bei meinen vielen Baustellen Knie, Fuß und Nerv. Aber die Strecke würde mich tragen. Wenn es gut läuft, könnte ich Jahresbestzeit für mich laufen. Das wäre 3:23:18. Und dann ist Pause. Au weia....wie werde ich das aushalten!

Sonntag, 6. September 2015

Training, Trail und kleinere Wehwehchen....

Mein Knie, welches mich beim Mauerweglauf die letzten 22 km zum Gehen zwang, hat mir schon einen kleinen Schrecken eingejagt. Am Tage danach war es deutlich besser, aber der Rest des Schmerzes verflog irgendwie dann doch nicht. Beim ersten Training mit der Ausdauerschule am folgenden Donnerstag - es standen 500-Meter-Intervalle auf dem Plan - war es für mich schon spannend, ob es halten würde. Ich merkte ......nichts. Voller Euphorie, aber mit der gebotenene Vorsicht ging e dann am Sonntag zu Svenja John und ihrem Jubiläumsmarathon nach Essen, wo ich schmerzfrei nach 11 Kilometern aufhörte. Im gegensatz zu Claudia, die mit Yvy und Henning Runde um Runde weiter drehte, während ich mir einen sonnigen Tag machte. Das fiel schon schwer. Also ging ich nach zwei Stunden Pause dann doch noch einmal auf die Runde und machte noch einmal so 5 Kilometer. Und siehe da, das Knie fing wieder anzu schmerzen. Ich hörte sofort auf, hatte nun aber wieder einige Tage lang das Gefühl, dass da doch etwas nicht in Ordnung ist. Den folgenden Samstag - es stand der "lange" Lauf mit der Ausdauerschule am Baldeneysee an, wollte ich eine kleine Runde von 14 Kilometern mal so laufen, wie es ohne große Quälerei laufen würde. Einfach mal so als Standortbestimmung. Und natürlich war da wieder die bange Frage im Hinterkopf, was das Mittelschanier an meinem rechten Gehwerkzeig so machen sollte. Bei recht warmen Temperaturen liefen wir los, leider war irgendwie niemand von der schnelleren Truppe da. Also lief ich irgendwie völlig alleine vor dem "Hauptfeld" her und entfernte mich zusehends. Das Tempo wurde immer flotter, am Hardenbergufer auf der Südseite hatte ich stets eine Pace zwischen 4:35 und 4:45, ohne bewusst beschleunigen zu müssen. Aber langsam meldete sich, so nach 8 Kilometern, dann doch wieder langsam das Knie. Kein Schmerz, eher ein leichtes Ziehen links innen hinter der Kniescheibe. Ein wenig Angst vor einem geschädigten Meniskus hat man da ja schon. Nach 14 Kilometern fühlte ich mich konditionell super, mein Knie beeinträchtigte das Wohlbefinden zwar ein wenig, aber ich beruhigte mich damit, dass das ja nun auch eine anspruchsvolle Pace mit entsprechender Aufprall-Abdruckbelastung war.

Ab September soll dann nun auch mein Training für den Frankfurt-Marathon wieder los gehen.

Wofür? Was will ich da erreichen? Nun, zunächst will ich in diesem Jahr noch einen Marathon in einer für mich zufriedenstellenden Zeit finishen. Das ist deutlich unter 3:30. Zum Anderen ist mir schon klar, dass ein Bestzeitenangriff nach den Belastungen des Sommers sehr gewagt wäre. Andererseits - hier geht es auch viel um Grundlage und die habe ich weiß Gott genug trainiert.
Aber da ist ja noch mein Lauffreund Werner, der ich ja bereit erklärt hat, sich Pfingsten während der TorTour de Ruhr für mich als Support das Wochenende im die Ohren zu schlagen und der gerne unter 3:25 laufen würde. Da ist es für mich Ehrensache, dass ich ihn dahin ziehe. Dann hätten wir beide einen tollen Lauf und für mich wäre die Zeit durchaus o.k.
Dafür muss aber auch ich dann mal ein wenig trainieren. Und es machte an jenem Samstag in Essen ja auch mit Tempo plötzlich wieder riesigen Spaß.

Ebenso dann am letzten Mittwoch, GAT 1-Dauerlauf über knapp 12,5 Kilometer, Pace 4:42 im Schnitt, Gefühl super. Knie: leicht zu spüren am Ende, war aber noch kein wirklicher Schmerz.

Donnerstag Training mit der Ausdauerschule, diesmal nur Läuferzirkel. Kniehebeläufe, lange Ausfallschritte, Treppenläufe, GAT 1 Abschnitte,Vollsprint, Strecksprünge. . Es wurden jedoch mit Ein- und Auslaufen nur 7,5 Kilometer, dass mein Knie danach nicht muckte, war ja nach den bisherigen Erfahrungen normal.

Der Trail des 600 Boitheux am Samstag in Belgien würde ein ultimativer Test sein, ob ich die langen Trainingsläufe wieder würde angehen können. Ursprünlich hatte die Ausdauerschule hier einmal eine Fahrt hin angeboten, die jedoch nicht zustande kam. Das Teaser-Video mit tollen Szenen und dem Durchlauf einer alten Burg hatte es aber durchaus in sich, also googelte man sich mal zum Lauf durch. Und siehe da, er sah interessant aus, war 1:45 Autostunden entfernt und startete am Samstag um 14 Uhr. Anreise ohne Stress und Rückkehr am Abend ohne teures Hotel also machbar, mit Yvy und Henning machten wir uns auf den Weg in die belgische Provinz Lüttich. Und wir wurden nicht enttäuscht. Ich möchte hier keine Details zum Lauf verraten, die seht Ihr hier im Video.

http://youtu.be/uQUbmHPB5fk

Aber es war ein sehr anspruchsvoller Trail, selten einmal Asphalt, meistens Trampelpfade mit ordentlichen Steigungen und Gefällstrecken. Leider kam aufgrund der Sprachbarriere - ich spreche leider gar kein französich und die anderen drei auch nicht gerade fließend - keine längere Kommunikation mit den anderen meist einheimischen Läufern zustande. Aber alles hier war sehr familiär und gesellig, eine große Turnhalle stand für Anmeldung, Aufenthalt vorher und nachher sowie für die Siegerehrung und Essensausgabe zur Verfügung. Für Regenwetter ideal. Zusätzlich war draußen für uns "harte" Männer ein Umkleide- und Duschzelt aufgestellt, welches mittels eines Tankwagens mit warmem Wasser versorgt wurde. Gut gelöst. Die Kabinen der Sporthalle durften dann die Frauen alleine nutzen.
Fazit am Ende des Trails: Eine absolut toll angelegte Streckenführung, interessante Durchläufe durch Fort Tancremont und das Chateau de Franchimont. Es wurde niemals langweilig, keine endlos lange, aber auch keine wirklich flachen Passagen. Klar, es wäre deutlich schneller gegangen. Platz 194-200 für uns vier bei 274 Startern und rund 220 Finishern jetzt nicht so das Ergebnis. Aber wir sind zusammen gelaufen, wollten die Gegend und die Verpflegungsstände genießen. Das war uns gelungen! Mit leckerem Bohnen-Kartoffel-Speck-Eintopf und Leffe blond klang der Tag aus, die Rückfahrt von knapp 2 Stunden war das Event in jedem Falle wert!

Mein Knie hat gehalten. Trotz schwieriger Strecke und der langen Belastungsdauer. Und auch heute, da ich diese Zeilen schreibe, habe ich keine Schmerzen. Das stimmt mich jetzt dann mal optimistisch für das weitere Training. Heute Pause, morgen dann Tempowechsellauf. Freu mich drauf!

Samstag, 22. August 2015

100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 5

Die 100 Meilen sind geschafft. Mit Finisher-Shirt in der Tasche und frisch geduscht geht es mit dem Auto zurück ins Hotel. Gegenüber in einer Seitenstraße gilt scheinbar sonntags kein Halteverbot, also parkt Henning unser Auto dort. Yvy und Henning bringen die Räder in die Tiefgarage, wir die Klamotten nach oben. Was für ein Gerödel, die drei Dropbags WP 1, WP 2 und Ziel sowie die Radtaschen. Der vom WP 3 würde gleich vor der Siegerehrung im Hotel abzuholen sein. Ein toller Service. Es ist acht Uhr, wir gehen dann mal zum Frühstück. Hier sind wir nicht allein, der Raum ist voll von Finisher-Shirts mit mehr oder weniger ausgemergeltem Inhalt. Ich hatte eigentlich ziemlichen Hunger, aber im Moment fühlt es sich nicht an, als würde ich etwas reinbekommen. Ich nehme nur einen Pott Kaffee und will mal abwarten, was mein Magen sagt. Mir ist nicht schlecht, aber meinem ganzen Körper ist irgendwie nach Ruhe. Nebenan am Tisch sitzen vier Frauen und freuen sich gerade über das Finish ihrer 4er Staffel. Wir freuen uns mit und erzählen gegenseitig von unseren Erlebnissen. Essen kriege ich trotzdem nicht herunter.

Gegen 9 Uhr sind wir im Zimmer und schlafen erst mal tief und fest, trotz des Tageslichtes im Zimmern. Ich denke an die vielen, die noch unterwegs sein werden und bin auch schnell im reich der Träume. Claudias Handy muss uns um ein Uhr wecken, denn um 14 Uhr findet unten im Saal des Hotels die große Siegerehrung statt.
Das Aufstehen gestaltet sich bei mir etwas schwierig, das Knie scheint die Ruhe nicht gemocht zu haben. Aber es ist nicht verfärbt oder geschwollen, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Unten ist bereits alles für die große Siegerehrung aufgebaut. Eine Bühne und viele viele Stuhlreihen für Teilnehmer und Begleiter.

Hajo Palm begrüßt uns als Veranstalter und stellt die Gäste vor. Ein Vertreter des Sportsenats hält eine kurze Ansprache, von der nicht viel hängen bleibt. Dann kommt Rainer Eppelmann. Einst Pfarrer, einer der Köpfe der Opposition in der DDR und nach der Wende deren letzter Verteidigungsminister.
Als er spricht, ist es mucksmäuschenstill. Für mich hat der Mann eine unglaubliche Ausstrahlung, die mich bereits nach wenigen Sätzen erfasst. Er spricht von den Menschen, die sich nicht mehr alles vorschreiben lassen wollen. Die selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden wollten und ihres dabei verloren.
Er stellt die Verbindung zu uns Läufern immer wieder gekonnt her, ohne dass ich das Gefühl habe, ständig den moralischen Zeigefinger zu sehen. Mit den Eindrücken der vielen orangefarbenen Stelen unterwegs braucht es das nicht. Aber er vermittelt mir auch die Freude. Die Freude, diesen Weg nun frei laufen zu können. Dies war kein normaler 100-Meilen-Lauf. Das hat hier gerade auch der letzte begriffen. Hoffentlich auch die, die achtlos an der Gedenkstätte von Marietta Jirkowsky vorbei gelaufen waren.
Dann werden die Sieger auf die Bühne gerufen. Auch Karin Gueffroy ist da, hängt Medaillen um. Sie ist die Mutter von Chris Gueffroy, der noch im Februar 1989 erschossen wurde. Er wäre heute so alt wie ich. Dann werden die Frauen von hinten nach vorne auf die Bühne gerufen. Zeit spielt hier keine Rolle. Das Finish allein ist aller Ehren wert. Claudia ist an der Reihe. Ich freue mich, dass sie es so gut überstanden hat und vor allem, dass sie nicht wirklich enttäuscht über den verpassten „Buckle“ ist. Braucht sie mit Platz 13 bei den Frauen auch nicht. Als vom Klatschen schon die Hände wehtun, bin ich dann irgendwann an der Reihe. Der Gang zur Bühne klappt schon wieder tadellos. Ich komme ohne fremde Hilfe die drei Stufen hinauf. Händeschütteln mit Hajo, dann Frau Gueffroy. Ich bedanke mich für die Medaille und sage ihr, dass ich am Abzweig Britzer Seitenkanal an ihren Sohn gedacht habe und höchsten Respekt vor ihrem Wirken habe. Dann Erhalte ich von Rainer Eppelmann mein „Buckle“. Mensch, war ich stolz auf das Ding! Aber diese Siegerehrung ist auch so toll inszeniert, dass nicht einmal die endlosschleife von Pink Floyds „Another brick in the wall“ zu nerven vermag. Das hier gehört sicherlich mit zu den größten Momenten in unserem bisherigen Läuferleben. Es ist einzigartig.



Wir sind der Auffassung, das sollte es auch bleiben. Die Back-to-back Medaille durch eine Bewältigung der Strecke in der, in meinen Augen viel schwierigeren, umgekehrten Richtung kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Sehr gut kann ich mir aber die TorTour de Ruhr im nächsten Mai vorstellen. Dafür habe ich hier wieder viel gelernt. Und Yvy ist auch so angetan, dass wir das selbstverständliche Versprechen abgeben müssen, für sie und Henning auch den Radbegleiter zu geben. Das ist Ehrensache!
Anschließend sitzen wir noch mit einigen Läufern im Biergarten vor den Hotels. Und gehen dann Richtung Hackesche Höfe zu einem Italiener. Wieder kann ich nur die Hälfte essen, aber immerhin. Mein Körper braucht etwas Zeit, um wieder auf Normalbetrieb zu wechseln. Aber ich kann gehen. Im Hotel schlafen wir schon um halb neun ein. Was solls?


Unseren allerherzlichsten Dank an alle, die uns diese Leistung ermöglicht haben. An erster Stelle natürlich Yvy und Henning mit ihrer „Fahrradtour“, dann die vielen Helferinnen und Helfer rund um diesen Lauf, die sich wirklich vorbildlich in mörderischer Hitze und umschwärmt von Wespen um uns gekümmert und uns alle Wünsche von den müden Augen abgelesen haben. Auch an all unsere Freunde, die auf Facebook und im Internet mitgefiebert haben. Das hat mich unterwegs sehr motiviert. Danke auch an alle, die danach unsere Selbsbeweihräucherung und unser Läuferlatain tapfer ertragen mussten.

In dem Bewusstsein, fast alles bewältigen zu können, wenn unsere Körper weiter so tadellos mitspielen ging es am Montag wieder nach Hause. Über die „Interzonenautobahn“ bis Helmstedt/Marienborn. Auch hier war früher die Grenze. Eine Gedenkstätte zeugt noch davon. Die meisten rasen durch…..


Donnerstag, 20. August 2015

100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 4

Ich laufe wieder an, sobald ich die Straße, die zurück zur Brücke über den Teltowkanal führt, nach 50 Metern erreicht habe. Die „Schlafanzüge“, wie einige die Nachtausrüstung mit Stirnlampe und Signalweste nennen, ruht noch bei Henning in den Satteltaschen.
Vor uns scheint sich ein Läufer nur so dahin zu schleppen, auch er schlurft mit jedem Schritt. Wir gehen an ihm vorbei, er hängt sich aber dran und das schlurfen haben wir noch eine ganze Zeit im Ohr. Die Strecke führt am Teltowkanal entlang, allerdings nun am Südufer. Immer wieder noch Steelen mit den schwarz-weiß Bildern der größtenteils jungen Menschen, die hier ihr Leben riskiert und verloren haben. Henning hält ab und zu an, liest deren Geschichte und kommt dann hinterher geradelt. Allerdings ist vom Ufer wenig zu sehen, da es dicht bewachsen ist. Rechts sind immer noch Betonpfähle zu sehen, teilweise abgebrochen. Grenzzaun. Der Teltowkanal bildet hier noch etwa 4 Kilometer die Grenze zwischen Teltow und Berlin-Zehlendorf. Als wir ihn dann mit einer 90 Grad Rechtskurve verlassen, beginnt der Zick-Zack-Kurs im Südosten West-Berlins. Alles klar? Die abgeknickte Straße führt durch eine Wohnsiedlung. Auch hier ein Bild, wie schon so oft. Rechts auf der teltower Seite Altbauten, links auf der Zehlendorfer Seite Neubauten der 90er hier im beginnenden Speckgürtel der Hauptstadt. Schnell geht die Siedlung in freies Land über, eine Kirschblütenallee beginnt. Uns kommen viele Spaziergänger mit und ohne Hunde entgegen, zwischen Kirschbäumen – ein Geschenk Japans zur Wiedervereinigung und entlang der Grenze damals angepflanzt – läuft der Betonplattenweg. Der Blick in der untergehenden Sonne schweift über weite Felder. Wann kommt der nächste VP? Ich bin im Moment schon ein wenig erschrocken, wie schlecht es hier gefühlt vorwärts geht. In Biel hatte ich zwei Jahre zuvor die 100 km in 10:11 h absolviert, nun hatte ich dafür über 12:30 h gebraucht und fühle mich bereits viel müder. Aber da muss ich mich selbst einbremsen. Biel startete zwar an schwülem Abend, in der Nacht wurde es jedoch relativ kühl und warm wurde es erst in den letzten 2 Stunden. Der Tag bei heißen und schwülen Temperaturen über 30 Grad hat doch mehr Körner gekostet, als mir noch vor ein paar Stunden selbst klar war. Das Feld ist hier riesig auseinandergezogen, fast jeder läuft hier für sich allein. Ohne Hennings Unterhaltung würde es schwierig werden. Rechtsknick, immer noch ist der VP der Polizei nicht in Sicht. Da wären es dann 109 km, meine Uhr zeigt schon 111! „Wenn wir bei 161 nach meiner Uhr sind, müssen wir immer noch 3!“ erwähne ich mal so am Rande. Dennoch hangele ich mich an den Anzeigen meiner Uhr entlang. Bald ist es nur noch ein Marathon, das soll das nächste Etappenziel sein. Beim VP des Polizeisportvereins angekommen wird es langsam dämmerig, wir legen unsere Nachtausrüstung dann doch mal an. Ich hatte keine Lust gehabt, mir noch etwas zu kaufen, also habe ich mein enges schwarzes Powerstripe-Shirt an und ziehe das Ding aus dem Auto drüber. Das sollte mir am Ende eine unschöne Scheuerstelle am Schlüsselbein einbringen, aber Geiz ist ja bekanntlich geil. Es geht weiter. Rechts liegen Maisfelder mit gefühlten Kantenlängen von 3 Kilometern. So etwas Riesiges gibt es nur im Osten, wir am Niederrhein haben da erheblich kleine Felder. Relikte von Bodenreform, Enteignung und Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Dann beginnt der Wald und es wird fast schlagartig dunkel. Stirnlampe an, Fahrradlampe an. Weiter geht es. Ich laufe immer noch. Henning rechnet aus, dass wir nach 22 Stunden da wären, aber ich bremse immer noch den Optimismus. Es kann viel passieren auf fast 50 Kilometern, vor allem werde ich immer langsamer. Henning streitet das ab und betont immer wieder, wie sauber mein Laufsstil noch aussieht. Wir unterqueren die B101 bei Marienfelde, hier lag das Erstaufnahmelager für diejenigen, denen keine Stele an der Strecke gewidmet werden musste. Es waren einige Millionen, die hier aufgenommen und zu „Wessis“ transformiert wuden. Wann kommt der nächste VP? Ist da vorne Licht? Nein, das Licht will nicht näher kommen. Es ist ein Läufer mit seiner Stirnlampe. Ich denke an allein laufende Frauen in diesem schwarzen Nichts, das hätte vielleicht in die Ausschreibung gehört. Yvy und Claudia war gemeinsam schon nicht wohl. „Wenn ich hier umkippe und rechts in Gebüsch rolle, finden Sie mich erst in 12 Stunden“ sage ich zu Henning. Unwillkürlich schauen wir, ob da nnicht wirklich einer liegt. Der Weg wird schlechter, der Asphalt ist weg, Sandfahrspuren mit Wurzeln bilden nun das Geläuf. Dann kommen wieder recht ordentliche Waldwege, die die Hoffnung schüren, das schlimmste sein vorbei. Diese schlechten Wege kosten zusätzlich Tempo, das ist eigentlich das Hauptproblem. Wann kommt endlich dieser nächste Verpflegungspunkt? Es sollten doch nur 5,5 Kilometer sein! Man motiviert sich damit, sich an einem VP mal 3 Minuten hinsetzen zu dürfen und einen Bissen zu essen. Danach geht es aber wieder von vorne los. Aber diese kleinen Aussichten und Abschnitte helfen ungemein weiter. Man darf jetzt nicht denken „immmer noch 46 Kilometer“! Die Strategie muss sein, sich von kleinen Zielen wie dem nächsten VP oder bestimmten Kilometerzahlen heranzutasten. Der Weg gabelt sich, ist aber durch die fluoriszierenden Pfeile am Boden bestens ausgeschildert. Dann sehen wir das Licht des VP. Die haben hier so ein Ding tatsächlich im finstersten Busch aufgebaut. Die Freude ist zunächst groß, dann aber sehe ich keine Sitzgelegenheiten. Der kluge Läufer hätte jetzt stehend etwas gegessen und getrunken und wäre schnell weiter. Zu der Spezies gehöre ich in diesem Moment aber wohl nicht mehr. Es ist kurz vor elf, ich bin seit halb vier am Morgen auf uns spätestens seit 6 Uhr laufend unterwegs. Da leidet die Kleinhirndurchblutung offensichtlich, denn ich setze mich auf die angebotenen Sixpacks Wasserflaschen. Das ist einmal unbequem und dann auch noch zu tief. Meine Knie sind zu lange zu sehr durchgebeugt. Aber es geht wieder weiter in die Dunkelheit. „Wie lange dauert dieser Scheiß-Wald noch?“ frage ich noch verzweifelt die VP-Besatzung. „15 Kilometer!“ Vor dieser Antwort nehme ich dann mal reißaus.
Weiter geht es um Schöneberg herum. Wir reden darüber, wie sich wohl Yvy und Claudia in diesem dunklen Loch fühlen werden. Wo sie sind? Keine Ahnung, denn Yvys Handy scheint leer zu sein, wie Henning meint. Claudia hat ein mobiles Ladegerät dabei, genau wie ich, aber daran denkt man irgendwann nicht mehr. Es kommt der gefürchtete umweg wegen eines fehlenden Tunnels unter der Bahnanlage. Man schrieb hier von „schlechtem Kopfsteinpflaster“ und das ist es wirklich. Die Straße ist mit den berüchtigten großen „Placken“ bestückt, den schmalen Gehweg durch die 30er-Jahre Siedlung befestigt kleines Kopfsteinpflaster. Das kann man ja noch relativ gut laufen, nur sind darin überall Asphaltbuckel, wenn da mal ein Loch verschlossen wurde oder die Wurzeln der zahlreichen Bäume haben das Zeugs hochgedrückt und in einladende Stolperfallen verwandelt. Dazu die dämmrige Straßenbeleuchtung und die Schlagschatten der belaubten Bäume, aber immerhin Häuser, Straßen und Abwechslung. Was freue ich mich auf die City! Wir erreichen den Bahnübergang, der auch noch gesperrt ist. Ein sitzender Streckenposten warnt uns vor den frei liegenden Schienen. Wie lange noch Wald? „Locker 10 Kilometer!“ Sagt der Streckenposten und ich befürchte, gleich wahnsinnig zu werden. Dieses westliche Ostalgieviertel ist also nur ein Intermezzo. Irgendwann liegt der Ortsrand wieder vor uns und es geht wieder in den Busch. Duster wie im Sack wird es wieder. . Marathon, so ein Klacks. Der VP 20 ist erreicht. Hier stehen Liegestühle, Henning ist so nettt zu mir und bringt mir ein schälchen lauwarme Nudeln. Die tun ganz gut. Auf die angeboetene Bolognese verzichte ich dankend. Wieder weiter, wir  überquerend die B96, hatten wir heute Morgen kurz vor der Gedenksteele Jirkowsky schon einmal. Nur am anderen Ende von Berlin. Jetzt ist Ende mit Weg, es folgen zwei sandige Fahrspuren, die sich ca. 20 cm. In die Grasnarbe eingefräst haben. Teilweise so schmal, dass man die Füße nicht richtig aneinander vorbei bekommt. Henning auf dem Rad flucht auch. Ein Mann mit Hund  kommt uns entgegen. „Wird das hier bald besser?“ frage ich. „Neh“ ist die einsilbige Antwort. Das motiviert richtig. Es ist Mitternacht und wir kämpfen uns Schritt für Schritt über die Wurzeln und Sandlöcher. Mein rechtes Knie beginnt leicht zu schmerzen. Läuft sich raus, es muss sich rauslaufen! Es ist aber kein stechender, abrupter Schmerz sondern eher ein dumpfer an der Innenseite rechts. Egal, noch geht es ja. Der Wald lichtet sich und endlich wird der Weg besser. Aber nur ganz selten gelingt noch ein Kilometer unter 8 Minuten. Wir sehen die Wohnsilos der Gropiusstadt, wieder das typische Beispiel von Moderner Trabantenstadt der 60er Jahre und sozialem Brennpunkt der 70er und 80er. Christiane F. wohnte hier. Henning und ich unterhalten uns über den Film, wir fanden ihn beide damals ziemlich schockierend. „We could be heroes – just for one day“ sang David Bowie dazu und auf dem Wege dahin sind wir auch. Ich bin überzeugt, dass das Zeug, was mein Körper gerade produziert, sich auch gut in die Venen spritzen lassen würde. Denn auch ich fühle mich etwas surreal. Links Wald, rechts Felder und am anderen Ende wummern die Bässe und drehen sich die Lichter einer Kirmes, auf die wir zu laufen. Jetzt eine Runde Kettenkarussell. Und Kandierte Apfel mit Zuckerwatte am VP. So scherzen wir uns dahin und ich bewundere meinen Geist, der tatsächlich noch Humor hat. Dann ist die Kirmes umlaufen, die Gestalten in meist jugendlichem Alter, die uns hier entgegen kommen, sind alle lattenstramm. Wie mögen wir warmwestengewandete Stirnlampenträger in mehr oder weniger vorzeigbarem Laufschritt auf sie wirken? Endlich ist Groß-Ziethen erreicht, das bereits an Neukölln grenzt. Ein Stück durch eine Wohnsiedlung, dann nochmals der Schrecken der Sandwege. Aber diesmal wirklich nur für 200 Meter, dann wieder eine Wohnstraße, an deren Ende der VP auftaucht. Die Leute hier machen wirklich Party, auf den Straßen ist dank der Kirmes noch etwas los. Wieder nur kurz verweilen, weitermachen. So langsam beginne ich u glauben, dass ich das hier tatsächlich ohne Gehpause durchlaufen kann. Und gleich geht es Richtung Rudow endgültig in die Stadt. Noch knapp 35 Kilometer. Nochmal kurz um die Blöcke der Gropiusstadt herum durch einen dunklen Weg, dann sind wir auf der Großen Ziethener Chaussee Richtung Rudow. Ich laufe auf Radweg oder Bürgersteig, Henning fährt neben mir. Ist auch ziemlich ausgestorben hier so gegen ein Uhr nachts, aber es gibt etwas zu gucken. Ab und zu kommen Taxis, die Nachtschwärmer nach Hause fahren. Wem es am Mittag besser geht – warten wir ab. Mein Knie muckt ab und an, aber es schein sich nicht zu verschlimmern. Gegenüber stehen zwei Polizeiautos und unterhalten sich durch die offenen Fenster. Eines fährt weiter dreht wenig später am Verpflegungsstand, den wir schon erreicht haben. Hier geht es psychologisch wirklich schneller als im Tunnel des Waldes. Hier sitzen wieder Läufer. Ob die jetzt zu Staffeln oder Einzelstartern gehören ist mir egal.Ein Polizist steigt aus und spricht mit den Leuten am Verpflegungsstand. Henning bringt mir Getränke und Apfel und erzählt, dass der Polizist gefragt habe, warum hier so viele vorschriftsmäßig beleuchtete Fahrräder kämen, deren Lenker auch noch Warnwesten trügen! Hatte der wohl noch nie gesehen, sonst fahren hier nämlich die meisten ohne Licht. Mit diesem Humor im Rücken geht es weiter, schon bald erreichen wir wieder den Teltowkanal. Ich laufe noch immer, obwohl ich langsam wirklich keine Lust mehr habe. Auf meiner Uhr 135 Kilometer, offiziell wohl 2-3 weniger. Der Weg führt hier schnurgerade etwa 5 Kilometer am Kanal entlang. Leider sehen wir nicht viel, denn zwischen dem Gewässer und uns sind Büsche, auf der anderen Seite der Lärmschutz der A 113, die man hier auf der Mauertrasse gebaut hat und die zum niemals fertigen BER-Airport und nach Schönefeld führt. Eine Gedultsprobe. Irgendwo weit vorne leuchten die Lichter einer Ampel, sehr viel später stellt sich heraus dass die oben an der Brücke über den Kanal leuchteten, wir aber im Dunkeln drunter her laufen. Man wird wieder verschluckt von dieser tiefen Schwärze, nur durch den kleinen Tunnel unsrer Lampen durchbrochen. Weit vor und hinter uns ist niemand zu sehen. „Die seit dem letzten Wechselpunkt haben wir alle abgehängt“ freut sich Henning mit mir. Hinter einer Brücke liegt jemand rechts an der Wand des Pfeilers im Gras. Ein Läufer. Wir schauen und leuchten ihn damit an „Alles in Ordnung?““Boah, ich will nur schlafen“. Na denn, weiter. Mit dem Schlaf wird er wenig Glück haben, denn so ziemlich jeder Läufer wird ihn besorgt fragen, ob man helfen kann. Und das ist auch richtig so. Der VP 23 taucht auf, wunderschön mit Gartenfackeln illuminiert.
Wir wollen gerade die Rot-Kreuz-Helfer per Bike zu dem Schläfer schicken, da taucht er schon auf. Er konnte nicht einschlafen. Aber aus meiner Erfahrung vom Seilersee und Glörsee weiß ich, dass das auch schon sehr gut tut. Henning muss die Batterien der Radlampe wechseln, 4,5 Stunden Dauerbetrieb, das wars. Das ist schwierig, er muss schrauben. Also laufe ich schon mal alleine los, denn ich will nicht einrosten. Jetzt bin ich wirklich ganz allein in der Schwärze der Nacht. Was tue ich hier? Ich bringe etwas ordentlich zu Ende, von dem ich seit langer Zeit gesprochen hatte. Bald muss der Britzer Seitenkanal kommen, wo sie noch im Februar 1989 Chris Gueffroy als letzten erschossen haben. Der ist fast mein Jahrgang. Seine Mutter soll bei der Siegerehrung anwesend sein. Was ist so etwas gegen die paar Meter laufen, die ich hier vor mir habe? Henning ist wieder da und erneut von meiner Konsequenz beeindruckt. Er käme sehr schlecht am VP wieder hoch, sagt er. Bei mir ist es der Blick auf die Uhr und die gnadenlose innere Stimme, die mich nach vorne treibt. Das Tempo bestimmen die Füße und Beine, die lassen sich jetzt nichts mehr vorschreiben. Aber ob sich bewegt wird oder nicht, das bestimmt immer noch der da oben hinter der Stirnlampe. Darüber bin ich ziemlich glücklich in diesem Moment. Dann dehnt sich das Gewässer aus und der Seitenkanal zweigt ab. Endlich sind 5 Kilometer Schwärze zu Ende. Wie oft haben wir das schon gedacht seit wir Claudia und Yvy an der Turnhalle verlassen hatten? Es geht über den Kanal, da ist eine Treppe hoch zu einer Brücke. Die Stufen gehe ich natürlich. Es ist jetzt ungefähr noch ein Halbmarathon. Hey, eben war es noch ein ganzer und nun ein halber. Ein Läufer und seine Radbegleiterin sind vor uns, er muss gehen, hat irgendein Problem. Ich hatte es schnell wieder vergessen. Dann erwischt es mich aber auch. Der Schmerz im Knie wird beim Anlaufen stärker. Ich gehe kurz, der Schmerz ist weg. Wieder Laufen, der Schmerz ist wieder da. Da fälle ich eine Entscheidung. Ich will mir hier nichts kaputt machen, definitiv. Ich habe 4 Stunden und 40 Minuten Zeit, es folgen noch 4 VP. Mache ich an jedem 5 Minuten Pausen bleiben 4 Stunden 20 Minuten für 21 Kilometer. Das sollte entspannt gehen. Warum also sich ein Problem einlaufen? Ich ärgere mich schon, denn ich bin überzeugt, dass ich hätte durchlaufen können, wenn das Knie nicht gemuckt hätte. Die Kraft fehlt nicht, die mentale Stärke sowieso nicht. Zwischen Treptow und Neukölln marschiere ich also entlang des Kolonnenweges, der Zustand hier ist giut, erführt aber immer in finsterer Nacht zwischen den beleuchteten Straßen her. An den Hausfassaden kann man teilweise erkennen, wo Ost und wo West war. Im Westen war das hier auch nicht die feinste Gegend. Hinter einer Wohnblocksiedlung, einen VP hatten wir noch hinter uns gelassen, dann wieder Wasser mit überfüllten Biergärten. Der Neuköllner Verbindungskanal. Wir müssen aufpassen, nicht über abgestellte Räder zu fallen. Auf Parkbänken liegen Nachtschwärmer sternhagelvoll und schlafen. Wird lustig für die Mädels, flachsen wir. Aber wirklich Angst haben wir nicht, die Stimmung der Leute ist nicht aggressiv. Dann ein Park, eine Brücke und wir erreichen die Schlesische Straße, die uns zur Oberbaumbrücke führen wird. Hier ist alles voll. Warten auf Taxis, nachtanken an der Tanke. Volle Tische auf den Gehsteigen der Kneipen und wir wuseln uns durch. Übelriechende Männlein mit Stirnlampe und wahrscheinlich weniger  intelligentem Ausdruck im Gesicht. An der Roten Fußgängerampel stehen wir im Pulk. „Watt machen die denn hier?“ „Da hab ick ooch schon en Paar von jesehen!“ wird getuschelt. Aber egal, hier macht es nichts, dass ich marschiere. Laufen geht eh nicht. Auch nicht auf der Oberbaumbrücke, unter deren neugotischem Kreuzgang wir uns vom Partyvolk über die Spree durchreichen lassen. Ein Nachwuchs-DJ übt an einem Keyboard, irgendwelche Typen bieten irgendwelches Zeugs an. Das hilft mir jetzt auch nicht mehr. Wir sind durch und gehen die Eastside-Gallery entlang. Dahinter durchbrüche, Gastro-Boote. Alles ist voll, denn es ist sommerlich warm hier zwischen zwei und drei in der Nacht. Ich überlege bereits, ob ich mich am nächsten VP setzen soll, denn die ersten Schritte danach schmerzte mein Gelenk dann immer. Ich setze mich dennoch, als wir da sind. Ich bedanke mich zunächst immer bei allen Helfern, dass sie sich für ein paar Verrückte die Nacht um die Ohren schlagen. Das gehört sich so und ich hoffe, ich habe es nirgendwo vergessen. Dann geht es hier, zwischen Kunstbedeckten Mauerfragmenten und lärmendem Taxiverkehr hinter und schnell wieder weiter. Mein Marschtempo liegt so bei 9:30 Minuten pro Kilometer, mal 15 Sekunden mehr, wenn mehr Straßen überquert werden müssen, in der Spitze aber auch mal 12 Sekunden weniger. Damit verliere ich zu meinem zuletzt gelaufenen Tempo nur noch 45 Sekunden, das ist nicht viel bei 20 oder 21 Kilometern Marsch statt Lauf. Vielleicht eine viertel Stunde auf die Zielzeit, das ist es nicht Wert, sich in die Reizung weiter hinein zu zwingen. Wir haben es fast geschafft, schlappe 11 Kilometer noch. Zunchst bin ich heilfroh, als es durch Kreuzberg am Luisenstädtischen Kanal entlang geht. Der wurde in den 20er Jahren zugeschüttet und in einen Park verwandelt, ich war der festen Überzeugung, wir müssten wieder in so ein schwarzes Loch. Aber wir dürfen an den Straßen bleiben. Ein farbiger kommt uns singend auf dem Rad entgegen. Gegen die Einbahnstraße, mitten drauf, mit schwarzem unbeleuchtetem Rad und schwarz angezogen. Das meinte die Polizei vorhin. Aber er sang ja, was dann ein Argument wäre, mit offenem Fenster und ohne Radio Auto zu fahren. In einem Hauseingang verabschieden sich 4 oder 5 Jugendliche. „Eh, schon wieder so’n Läufer!“ „Wie biste schon jeloofen?“Ich antworte  „So 154 Kilometer“ „Boah! Krasser Scheiß eh!“ Treffender als diese junge Dame hätte es keine ausdrücken können. Werde den Spruch zum Event-Shirt 2016 vorschlagen. Aber sie hat ja nicht unrecht. Was ich hier jetzt schon geleistet habe, ist schon einiges. Und da darf ich auch stolz drauf sein, denn ich habe es sorgfältig vorbereitet, physisch wie psychisch. Und ich hatte auf jede Situation die passende Antwort. Einige Ecken weiter, in denen Henning und ich uns vorzustellen versuchen, wie man hier mitten in der Stadt in einer Nacht wie dieser eine Grenze errichten will, sind wir am Checkpoint Charlie und den netten Chinesen am vorletzten VP.

Kaffe am Checkpoint


Es gibt Kaffee, den nehme ich gerne und erzähle, wie ich hier 1986 noch die Frau gesehen habe, die tagaus tagein in einem Käfig vor dem Grenzübergang stand und
1986 am Checkpoint Charlie
Staatsratsvorsitzenden Honecker bat, Ihre zwangsadoptierten Kinder herauszugeben. Auch denke ich daran, dass hier im Oktober 1961 fast der dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre, als sich die Panzer der USA und der Sowjetunion schussbereit gegenüber standen. Ein 25-jähriger Soldat verliert die Nerven und wir säßen jetzt nicht hier und trinken Kaffee. Weiter geht es, in der Wilhelmstraße fällt mir am Finanzministerium, dem ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums der Film „Des Teufels General ein“, der auf der unglücklichen Rolle des Fliegerasses Ernst Udet in diesem Gebäude basiert. Udet hatte sich erschossen. Carl Zuckmeyer hat dies 1946 in seinem Theaterstück verarbeitet, welches dann mit Curd Jürgens verfilmt wurde. Was mir hier noch alles einfällt! Henning findet es es spannend, zumindest tut er noch so. Hier ist es genau wie ich es erwartet hatte. Die Kilometer fliegen dahin, denn hier ist überall etwas zu sehen. Das Brandenburger Tor am Pariser Platz.
Zwei Mal hatte ich es beim Berlin Marathon schon durchlaufen. „Gleich an der Ecke mal sehen, wie weit es noch ist. Vielleicht laufe ich dann eben durch.“ Sage ich noch und bin an der Ecke. Es ist mir zu weit. Meinem Knie will ich keinen unnötigen Schritt mehr zumuten. Ein Foto, dann weiter Richtung britischer Botschaft. Wir ernten bewundernde Blicke von den hier reichlich patroullierenden Polizisten, dann geht es die Scheidemannstraße zum Reichstag. Anke kommt in Begleitung vorbeigelaufen, die hatte ich bei Kilometer 45 oder so überholt. Aber Anke ist eine sehr gute Ultra-Läuferin, sie hätte mich gerne mitgenommen, aber ich sage, dass ich  nur noch gehen kann und wünsche alles Gute. Reichstag, Kanzleramt, Kronprinzenbrücke. Das Regierungsviertel ist menschenleer. Dann Richtung Bahnhof, Anke und Begleiter sind noch in Sicht, bevor es am Humboldhafen entlang über den Invalidenfriedhof zum letzten VP geht. Eine tolle Sache, erschöpfte Läufer am Rande des Zusammenbruchs über einen Friedhof laufen zu lassen. So kaputt bin ich Gott sei Dank nicht. Am VP erwartet uns eine nette Dame vor dem Tresen, ich frage wie weit es noch genau ist. 4,75 Kilometer sind es laut Tafel am VP. Noch 48 Minuten, dann stünde noch die 22 bei den Stunden. Das wird mir zu eng. Um eine 9er Pace zu erreichen müsste ich laufen. Mein Knie ist noch stabil, am Ende ist es egal ob wir 22:59 oder 23:10 hereinkommen. Für die blöde Gürtelschnalle kann ich auf allen vieren in dieser Zeit ankommen. Also kann ich auch meine 4 Minuten Pause machen und die Dame unterhalten. Tun wir dann auch. Mit einem netten Dankeschön geht es auf die letzte Etappe. Würde ich bei der TorTour de Ruhr jetzt noch 75 weitere Kilometer schaffen? Ja. Mit einer Stunde Schlafpause dann würde es gehen, ich hätte locker 13 Stunden dafür Zeit. Man hat das eine nicht ganz geschafft und denkt schon an den nächsten Wahnsinn. Aber so ist halt der Plan. Zwei Läufer überholen uns noch im Endspurt kurz vor der Bernauer Straße. Das sieht aus wie 4:30er Pace. Wahrscheinlich war es eher 7er Pace, aber bei meinem Marschtempo kann man sich vertun. Es tut ein wenig weh, nicht mitlaufen zu können, aber die Vernunft siegt. Dann liegt endlich die Bernauer Straße vor uns, höchstens 2,5 Kilometer noch einschließlich Sportplatzrunde. Es wird noch nicht hell, obwohl es auf 5 Uhr zu geht. Ein Läufer kommt von vorne langsam näher, dann setzt er sich auf eine Fensterbank eines Ladenlokals. „Können wir helfen?“ Er fragt nach Cola, wir geben ihm unsere eiserne Reserve, eine 0,33 l Flasche aus den Gepäcktaschen. Die brauchen wir nicht mehr. Jetzt plane ich schon den Einlauf. Henning soll am Eingang des Stadiongeländes schon mal vor fahren und auspacken. So machen wir es dann auch, als unvermittelt die dreibeinigen „Giraffen“, die Flutlichtmasten des einstigen Dynamo Berlin-Stadions auftauchten. Beim DDR-Abo-Meister von Stasi-Mielkes Gnaden haben sie alle gespielt: Barcelona, Juventus, der HSV, Werder Bremen. Die verloren hier sogar mal 3:0, drehten dann aber das Rückspiel mit 5:0 in Bremen. Ich bin an Hennings rad am Eingang zum kleinen Leichtatlethikstadion angekommen. Signalweste aus, Singlet wieder drüber, die blaue „DDR“-Trainingsjacke an. So laufe ich ein. In der letzten Kurve dann reise ich die Retro-Jacke auf, ziehe sie aus und das goldene DLV-Singlet mit der Aufschrift „Deutschland“ kommt zum Vorschein.
Die letzten Meter


Finisher!
Eine Symbolik, wo das neue Deutschland unter der verstaubten DDR zum Vorschein kommt. Ich hoffe, das versteht keiner falsch. Wenn doch, kann er es ja hier nachlesen. Euphorisch schwenke ich die Jacke über meinem Kopf, zum Schreien bin ich zu platt. Hier bin ich nochmal getrabt, wenn auch unter Schmerzen. Es ist vollbracht! Hundert Meilen und ein paar Meter sicherlich mehr sind gelaufen. 23 Stunden und 9 Minuten steht auf dem Kassenbon mit allen Zwischenzeiten, den ich in die Hand gedrückt bekomme. Auch das Finisher-Shirt erhalte ich hier. Zunächst bedanke ich mich bei Henning. Ich will nicht sagen, dass ich es ohne ihn nicht geschafft hätte, aber es wäre brutal schwerer geworden! Er holt und zwei Erdinger Alkoholfrei, die wir auf der Bierzeltbank trinken. Bier vor dem Frühstück, sonst nicht so meine Art. Dann die bange Frage nach Claudia und Yvy. Es ist bei mir nun auch später geworden, würde sie die 24 Stunden schaffen? Irgendjemand schreibt Henning, sie seien um 4:40 Uhr am Checkpoint Charlie gewesen. Dann wäre das zu schaffen! Es wird nun schnell hell, es kommen immer wieder uns bekannte Läufer herein. Auch welche, die wir vor uns wähnten. Dann sagt der Moderator an, es wären noch zwei Minuten bis Sechs Uhr, da noch niemand auf dem Stadiongelände sei, könne er die Kiste mit den Buckles schließen. Wir sehen Claudia nicht, also wird das nix mehr. Etwas traurig bin ich darüber schon, jetzt hoffe ich nur, dass sie weit genug weg ist und nicht in drei Minuten hier erscheinen möge. Denn das wäre dann wirklich ärgerlich!

Sie kommen wenig später, gegen 6:20 Uhr. Ich nehme sie am Eingang zur Tartanbahn in Empfang. Claudia geht, auf der Bahn aber läuft sie wieder. Sie wird schneller, gibt wieder richtig Gas wie das ihre Art ist und erreicht in 24:22 h das Ziel! Ich bin stolz auf meine Frau, denn auch sie hat sich mit viel marschieren aufgrund von Magenproblemen durchgebissen. Und das in einer sehr ordentlichen Zeit. Sie war ohnehin nicht so auf den Buckle fixiert wie ich und sie ist nicht sichtbar enttäuscht!
Claudia im Zielspurt
Was für ein Ding! Wir haben es tatsächlich gerockt, sogar weitgehend nach Plan. Mein Magen bekommt nichts rein, das angebotene Frühstück will ich später lieber im Hotel versuchen. Wolfgang sehe ich beim Duschen nochmal, sieht fies aus, der alte Wegbegleiter. Aber ich kann mich alleine aus- und anziehen. Auch ein Erfolg. Andere haben da mehr Probleme. Lars, der Däne von der Glienicker Brücke duscht auch gerade mit. Er hat das Buckle noch erreicht, war eine halbe Stunde nach uns drin.  Aber der ist in wenigen Tagen vergessen. Meine Füße sehen fast tadellos aus, eine leichte Blase unter der Hornhaut am vorderen Ballen, sonst nix.
Was war das jetzt für ein Gefühl? Das kann man in der Müdigkeit so schnell jetzt nicht fassen, was man da geleistet hat. Es waren in jedem Falle unvergessliche Eindrücke, geschichtsträchtige Orte und Augenblicke und bewegende sportliche und menschliche Gesten und Regungen bei Helfern und Mitläufern. Habe ich mich selbst besser kennengelernt? Nein, ich war so, wie ich es erwartet hatte. Es lief ähnlich, wie ich es erwartet hatte. Und ich sehe  nichts, was ich hätte besser machen können. Kann es eine schönere Bestätigung geben?
Und auch meiner Claudia hatte ich dies zugetraut. Dass es nicht noch mehr wurde, lag am Wetter während des Tages. Die Hitze und die Schwüle haben uns die entscheidenden Körner gekostet. Aber auch sie hat sich toll durchgebissen
Ich kann den Lauf jedem Ultra nur empfehlen, und sei es als Staffel. Freiheit des Läufers an der Stelle einer tödlichen Grenze…..das sollten wir nicht vergessen.
Was sagte die Berliner Göre doch: „Boah….krasser Scheiß, eh!“


 Während ich da saß kam jemand auf mich zu und forderte mich auf "Zieh den Lappen da aus!" Ich ging eh duschen, aber da muss ich widersprechen. Wenn er meinen Zieleinlauf nicht gesehen hat, mag es ausgesehen haben wie ein schlechter Scherz. Aber: Erstens ist das eine Sportjacke, keine Trainingsjacke der NVA oder der Grenztruppen. Darin steckten Sportler, die ich auch respektiere. Denn gedopt wurde im Westen auch. Ich gebe aber zu, dass ich mir dann im Ziel etwas anderes hätte überziehen können. Aber daran dachte ich ebenso wenig nach 100 Meilen wie der LAufkollege über den agressiven Ton in seinem Spruch. Ich ging duschen. Vielleicht liest er das hier und macht sich auch nochmal Gedanken. Ich habe sie mir gemacht. 

Mittwoch, 19. August 2015

100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 3

Bevor Claudia und Yvy kommen, laufe ich weiter. Henning nimmt noch einen Becher und folgt mir. Gleich nach Verlassen des Brauhauses sehe ich zur rechten das Schloss Cecilienhof. Hier baute der letzte Kronprinz Wilhelm 1914-17 im englischen Landhausstil, hier tagten im Juli und August 1945 US-Präsident Truman, Stalin und Churchill, nach dessen Abwahl mittendrin dann Attlee, konnten sich nicht einigen, zementierten die deutsche Teilung und begannen den kalten Krieg. 
unsere Potsdamer Konferenz - Schloss Cecilienhof Potsdam

Dies erzähle ich einem US-Amerikanischen Touristen neben mir auf Englisch, der ganz überrascht war, dass Präsident Truman von hier aus den Abwurf der Atombomben telefonisch befahlt. Ein bedeutsamer, aber zugleich wunderschöner Ort. Weiter geht es über Parkwege entlang der Seen Richtung Glienicker Brücke, die wir schneller als erwartet erreichen. Eben noch fernab am Schloss Sacrow, nun schon hier. Henning und ich freuen uns, dass es noch gut voran geht. Die Glienicker Brücke unterlaufen wir erst, um dann in großem Bogen ihre Rampe zu erklimmen. Das kann man laufen. Oben bleibe ich stehen, die Sonne ist wieder da und bescheint eine herrliche Szenerie mit dem berühmten Dreischlösserblick.
weltbester Radbegleiter Henning
Ich sehe über die Brücke nach Westen und stelle mir den letzten Agentenaustausch im Februar 1986 hier vor. Dunkle Limousinen und Militärjeeps auf beiden Seiten. Nebel über den Wasseroberflächen. Kommandos über die Brücke. Dann Typen in schwarzen Mänteln, die sich in der Mitte begegnen. Völlig irreal in diesem herrlichen Sonnenschein. Das diskutiere ich auch kurz mit Lars, dem Schlurfer von eben, der wieder gut angelaufen ist. Mit Deutsch ging es nicht so gut, auf Englisch dann besser.
Mit Däne Lars auf der Glienicker Brücke
Ich mag diese internationale Atmosphäre hier. Ein kurzes Stück zwischen Schloß Babelsberg zur Rinken und Schloß Glienicke zur Linken, beide in extrem gut gepflegten Gartenanlagen, geht es rechts wieder weg von der Straße, vorbei an der einstigen Ost-Exklave Klein-Glienicke vorbei, wo nur eine einzige Zufahrtstraße von Babelsberg aus hin führte. Entlang des Griebnitzsees laufen wir durch Babelsberg, die Mauer verlief hier am Uferrand, die Grenze im Wasser. Hier stehen die Villen aus den ersten Jahren des vorigen Jahrhunderts, eine schöner als die andere auf beiden Seiten der hügeligen Straße. Den Uferweg haben die Anwohner leider versperrt, hier läuft seit Jahren ein Rechtsstreit mit Stadt und Land. Ohne viel vom Griebnitzsee zwischen den Anwesen hindurch sehen zu können laufe ich weiter, immer noch in einer Pace von 7 – 7:20. Aber das ist gut und richtig. Ich darf jetzt mein Fahrgestell nicht dazu zwingen wollen, die Pace unter 7 Minuten zu halten, wie ich es vielleicht gerne gehabt hätte. Die Beine laufen gerade von alleine und das werden sie noch eine ganze Weile tun, wenn ich nicht diese Fehler mache. Also nehme ich es hin. Nach den Villen geht es dann hinab zum gesperrten Ende des Uferweges, zum VP 15 an der Gedenkstätte Gribnitzsee. Ein Mauerrest mit niedergelegten Kränzen, eine Steele für einen hier zu Tode gekommenen „Grenzverletzer“ und bequeme PVC-Stühle statt der bisher häufig verwendeten Bierzeltbänke. Ich setze mich, mein Page Henning bedient mich gemeinsam mit der VP-Beatzung. Top-Service. Ich erfahre, dass meine Schalker 2:0 in Bremen führen, was meine Stimmung noch weiter anhebt. Dann ein kurzer Smalltalk mit dem VP-Betreiber. Ich erzähle, dass die Mauer für mich eine Bedeutung hat, von meiner A-Jugend Abschlussfahrt 1986 nach West-Berlin und dem Mauerspaziergang damals. Was, wenn ich damals meiner Freundin Claudia geschrieben (so was tat man damals noch!)hätte: „In drei Jahren ist die Mauer weg und in 29 Jahren laufen wir den ganzen Verlauf mit 161 Kilometern am Stück!“ Wir lachen gemeinsam und spekulieren, wo man mich wohl wegen beider Ankündigungen eingewiesen hätte. Nun ist sie weg, die Mauer, nicht Claudia. Mit der bin ich bekanntlich seit 24 Jahren glücklich verheiratet und die lasse ich grüßen, als wir wieder aufbrechen. Nein, vorher philosophiere ich noch kurz mit dem Mann vom VP. Ich habe 1987 im Westen bei der Bundeswehr „gedient“. Es hätte ja auch im Osten sein können. Hätte ich geschossen, wäre ich an die Grenze kommandiert worden?  Ich möchte diese Frage nicht klar beantworten, ausschließen will ich mal gar nichts.
Gedenkstätte Griebnitzsee - Km 90
Der Lauf ist halt nicht nur ein Lauf. Noch immer bleibe ich nicht länger als 4 Minuten, dann das kostet Durchschnittspace. Kurz hinsetzen motiviert aber inzwischen ungemein als kleines Zwischenziel. Wir laufen los, Claudia und Yvy müssen aber noch kurz hinter uns sein. 90 Kilometer erledigt, die hundert Kilometermarke ist nicht mehr weit. Dann geht es Richtung Kohlhasenbrück und zum Königsweg in den Wald. Ich erzähle Henning vom Kaufmann Hans Kohlhaas und seinem Rachefeldzug für widerrechtlich eingehaltene Pferde, von Heinrich von Kleist, der sich unweit von hier im Wald erschossen hat und seiner Novelle Michael Kohlhaas und vom Widerspruch, den Recht und Gerechtigkeit manchmal bilden können. Absolute Gerechtigkeit wird es nicht geben, auch hier haben Frauen und Männer beispielsweise den gleichen Zielschluss und die gleiche 24-Stundengrenze für den Buckle. Gerecht? Solche Gespräche unterwegs sind auch wichtig und sinnvoll, sie halten auch den Geist beider Teammitglieder wach. Denn der der auf dem Rad sitzt, hat einen schwierigen Job. Er geht nicht an dieselben körperlichen Grenzen, ist aber Müdigkeit und Haltungsschmerzen ausgesetzt. Er ist quasi „Befehlsempfänger“, reicht an und bedient, obwohl er selbst müde ist. Henning macht das hier ausgezeichnet, dabei muss er bisher noch nicht mit schlechter Laune klarkommen. Alleine ist das alles viel schwieriger, nicht nur wegen des Rucksacks. Der Königsweg von Babelsberg nach Zehlendorf und Kleinmanchow führt schnurgerade durch den Wald und folgt dem Postenweg. Als Kutschenweg für den Soldatenkönig im 18.Jahrhundert gebaut ist er 6 Kilometer lang, das längste Geradeausstück. Ich laufe immer noch, wie Henning mit glaubhaft bescheinigt, aber auf dem erneut welligen Königsweg. Regen hat eingesetzt. Die Gewitter grollten woanders, aber der regen wird stärker und ist mir im Moment eine angenehme Erfrischung. Wir sehen einen Läufer vor uns, einen weiteren hatte ich kurz vor dem Wald überholt. Es wird immer welliger, der anfangs perfekt geschotterte Weg wird immer schlechter und wir immer nasser. Den Läufer vor uns haben wir, wir laufen ein Stück beieinander, fragen ob er etwas braucht und füllen ihm seine Trinkflasche mit Wasser nach. Hat Henning ja genug auf dem Rad und beim Ultra läuft man miteinander und nicht gegeneinander. Mir ist das mittlerweile auch völlig egal. Meine Uhr weicht nun schon 2 Kilometer von den Zielangaben an den VP ab. Also muss ich noch weiter laufen, als meine Uhr mir anzeigt und also darf auch die Pace nicht weiter sinken. Rechts im Wald liegt die West-Exklave Albrechts Teerofen, dahinter im Wald der alte Autobahngrenzübergang der A115. Die DDR hatte die Trasse verlegt, weil sie immer mehrfach die Staatsgrenze wechselte und so für ihre Bürger nicht nutzbar war. Ich habe jetzt schnell wechselnde Kleinkrisen. Mal laufe ich durchaus angestrengt, erreiche aber nur knapp noch eine 7 vor der Pace. Einen Kilometer wird es grundlos leichter und es kommt sogar noch eine 6:44 dabei raus. Zwei junge Mädchen kommen den Waldweg von rechts und biegen hinter uns ab, überholen uns bald. Wir wechseln ein paar Worte, die beiden sind mir zu schnell und schnell nach vorne weg. Die machen vielleicht 6er Pace und ich kann sie nicht halten. Ich lache mich kaputt. Ein Staffelläufer hängt sich dran und erfreut sich längere Zeit an  ihrem Anblick. Die machen es jedenfalls richtig, sie gehen raus und bewegen sich. Jeder, sei er noch so langsam, überholt jeden, der auf der Couch liegt. Sieht Henning genauso und kriegt selbst wieder mehr Laust aufs Laufen, das schwankt bei ihm schon mal. Er ist ja auch schon Ultras gelaufen, aber nie mehr als so 60 Kilometer. Wir laufen über die verlegte Trasse der Autobahn, gestern fuhren wir bei der Anreise noch unten durch und malten uns aus, wie es heute sein würde. Jetzt sind wir schon hier bei Kilometer 96. Ist der Wald da vorne endlich zu Ende? Nein, nur eine Straße, eine Siedlung und immer noch kein VP. Dann endlich haben wir ihn erreicht. Fast pünktlich lässt der Regen ein wenig nach. Der VP hat nasse Stühle zu bieten, aber da ist mir egal, ich bin ja eh nass. Hier wird mir zum ersten Mal leicht kühl und es geht wieder schnell weiter. Leider laufen wir nun zu dritt, den  Wolfgang hat sich dazu gesellt. Der regen war’s, meine Adduktorengegend fühlt sich auf einmal sehr wund an. Das kann ja noch heiter werden. Ein paar Ecken, dann eine Wohnsiedlung in Kleinmanchow. Jemand hat einen privaten kleinen Verpflegungsstand unter einem Sonnenschirm aufgebaut. Ich nehme einen Schluck Wasser und ein paar Salzstangen, die ich aber nur schwer herunterbekomme. Die Sonne ist da, es dampft wieder auf dem Asphalt und mir ist elend schwül-schwitzig. Aber ich laufe, wie Henning immer so schön sagt. 100 Kilometer sind erledigt, nach meiner Uhr. Wir sind am Teltowkanal, dann kann es nicht mehr weit zu Kilometer 103 und damit zum Wechselpunkt sein. Nein, der „Kanal“ ist völlig verschilft, selbst ich akribischer Vorbereiter weiß nicht, was das mal war oder werden sollte. Ich rede erstmals über Gehpausen. Mir tut Nichts weh, nur die Beine werden halt schwerer und schwerer. Beim VP in Teltow an der Sporthalle, wo man duschen und sich hinlegen kann, werden wir etwas länger Pause machen. Die 13 Stunden werden knapp, sind aber noch zu erreichen, was einzig an den schon über zwei zu wenig angezeigten Kilometern auf meiner Uhr liegt. Dann hätte ich bei einer halben Stunde Pause, WC, umziehen und essen 10,5 Stunden für 58 Kilometer. Gehtempo! Dann ist das Erreichen des Ziels sicher, wenn ich mir kein Bein breche. Endlich sind wir am Teltowkanal. Wieder erzähle ich Henning von den Treidellokomotiven, die bei Eröffnung um 1907 herum die Kähne gezogen haben. Die Amerikaner kopierten das System, als sie 1914 den Panamakanal fertig bauten. Auf deren Treideltrassen laufen wir gerade. Ich weiß, dass wir erst über eine Brücke müssen und dann wieder fast 500 Meter am anderen Ufer zurück, aber da ist keine Brücke. Dafür wieder Läufer, die wir überholen. Wann kommt die dämliche Brücke? Die Kirche des Ortes Teltow am anderen Ufer ist zu sehen, die ist nicht weit vom WP, das hatte ich gelesen. Also kann es nicht mehr weit sein. Endlich geht es bergauf, die Rampe zur Straße ist erreicht. Einen überholen wir noch, dann geht es hinter der Brücke wieder ein ganzes Stück zurück. Drüben auf der anderen Straßenseite kommen bereits wieder Läufer entgegen. Auch Normann und Betty auf dem Rad sehen wir. Winken, Glück wünschen, weiter. Irgendwo ist sich ja jeder selbst der nächste. Dann sind wir da. Der VP ist in der Turnhalle, dort ist es schön stickig. Die Logistikcheckliste läuft runter. Foto, Posting für die fiebernde Fangemeinde, Suppe löffeln, trinken.
Turnhalle Teltow - Wechselpunkt und Pause. ganze 30 Minuten!
Keramikabteilung, dann kann man sich dann auch eine frische Hose anziehen. Wolfgang ist mit auf dem Klo und ich bekomme ihn erstmals zu Gesicht. Kein schöner Anblick. Vielleicht hilft ja die frische, trockene Hose. Als wir weg wollen, kommen Claudia und Yvy an. Wir haben eine knappe halbe Stunde Vorsprung. Es geht ihnen gut, wir machen noch ein Foto.
Das letztegemeinsame Foto - vor dem Ziel
Vor dem Ziel sehen wir uns wahrscheinlich jetzt nicht mehr, denn auch die Mädels wollen Pause machen. Ich bin nun tiefenentspannt. Die trockene Hose scheint zu helfen, Wolfgang scheint am WP zurückgeblieben zu sein. Der Hund der! Zeitlich bin ich genau bei den 13:30 h, habe also noch 10:30. Für 58 Kilomter, wie gesagt. Das ist nur noch wenig mehr als ein Marathon, sage ich mir.  Ich kann jetzt gehen und jeder Meter, den ich laufe, bringt mich schneller ans Ziel. Schnell ist die Brücke über den Teltowkanal wieder erreicht. Was  nun folgte, hatte ich mir definitiv leichter vorgestellt.