Mein Knie, welches mich beim Mauerweglauf die letzten 22 km zum Gehen zwang, hat mir schon einen kleinen Schrecken eingejagt. Am Tage danach war es deutlich besser, aber der Rest des Schmerzes verflog irgendwie dann doch nicht. Beim ersten Training mit der Ausdauerschule am folgenden Donnerstag - es standen 500-Meter-Intervalle auf dem Plan - war es für mich schon spannend, ob es halten würde. Ich merkte ......nichts. Voller Euphorie, aber mit der gebotenene Vorsicht ging e dann am Sonntag zu Svenja John und ihrem Jubiläumsmarathon nach Essen, wo ich schmerzfrei nach 11 Kilometern aufhörte. Im gegensatz zu Claudia, die mit Yvy und Henning Runde um Runde weiter drehte, während ich mir einen sonnigen Tag machte. Das fiel schon schwer. Also ging ich nach zwei Stunden Pause dann doch noch einmal auf die Runde und machte noch einmal so 5 Kilometer. Und siehe da, das Knie fing wieder anzu schmerzen. Ich hörte sofort auf, hatte nun aber wieder einige Tage lang das Gefühl, dass da doch etwas nicht in Ordnung ist. Den folgenden Samstag - es stand der "lange" Lauf mit der Ausdauerschule am Baldeneysee an, wollte ich eine kleine Runde von 14 Kilometern mal so laufen, wie es ohne große Quälerei laufen würde. Einfach mal so als Standortbestimmung. Und natürlich war da wieder die bange Frage im Hinterkopf, was das Mittelschanier an meinem rechten Gehwerkzeig so machen sollte. Bei recht warmen Temperaturen liefen wir los, leider war irgendwie niemand von der schnelleren Truppe da. Also lief ich irgendwie völlig alleine vor dem "Hauptfeld" her und entfernte mich zusehends. Das Tempo wurde immer flotter, am Hardenbergufer auf der Südseite hatte ich stets eine Pace zwischen 4:35 und 4:45, ohne bewusst beschleunigen zu müssen. Aber langsam meldete sich, so nach 8 Kilometern, dann doch wieder langsam das Knie. Kein Schmerz, eher ein leichtes Ziehen links innen hinter der Kniescheibe. Ein wenig Angst vor einem geschädigten Meniskus hat man da ja schon. Nach 14 Kilometern fühlte ich mich konditionell super, mein Knie beeinträchtigte das Wohlbefinden zwar ein wenig, aber ich beruhigte mich damit, dass das ja nun auch eine anspruchsvolle Pace mit entsprechender Aufprall-Abdruckbelastung war.
Ab September soll dann nun auch mein Training für den Frankfurt-Marathon wieder los gehen.
Wofür? Was will ich da erreichen? Nun, zunächst will ich in diesem Jahr noch einen Marathon in einer für mich zufriedenstellenden Zeit finishen. Das ist deutlich unter 3:30. Zum Anderen ist mir schon klar, dass ein Bestzeitenangriff nach den Belastungen des Sommers sehr gewagt wäre. Andererseits - hier geht es auch viel um Grundlage und die habe ich weiß Gott genug trainiert.
Aber da ist ja noch mein Lauffreund Werner, der ich ja bereit erklärt hat, sich Pfingsten während der TorTour de Ruhr für mich als Support das Wochenende im die Ohren zu schlagen und der gerne unter 3:25 laufen würde. Da ist es für mich Ehrensache, dass ich ihn dahin ziehe. Dann hätten wir beide einen tollen Lauf und für mich wäre die Zeit durchaus o.k.
Dafür muss aber auch ich dann mal ein wenig trainieren. Und es machte an jenem Samstag in Essen ja auch mit Tempo plötzlich wieder riesigen Spaß.
Ebenso dann am letzten Mittwoch, GAT 1-Dauerlauf über knapp 12,5 Kilometer, Pace 4:42 im Schnitt, Gefühl super. Knie: leicht zu spüren am Ende, war aber noch kein wirklicher Schmerz.
Donnerstag Training mit der Ausdauerschule, diesmal nur Läuferzirkel. Kniehebeläufe, lange Ausfallschritte, Treppenläufe, GAT 1 Abschnitte,Vollsprint, Strecksprünge. . Es wurden jedoch mit Ein- und Auslaufen nur 7,5 Kilometer, dass mein Knie danach nicht muckte, war ja nach den bisherigen Erfahrungen normal.
Der Trail des 600 Boitheux am Samstag in Belgien würde ein ultimativer Test sein, ob ich die langen Trainingsläufe wieder würde angehen können. Ursprünlich hatte die Ausdauerschule hier einmal eine Fahrt hin angeboten, die jedoch nicht zustande kam. Das Teaser-Video mit tollen Szenen und dem Durchlauf einer alten Burg hatte es aber durchaus in sich, also googelte man sich mal zum Lauf durch. Und siehe da, er sah interessant aus, war 1:45 Autostunden entfernt und startete am Samstag um 14 Uhr. Anreise ohne Stress und Rückkehr am Abend ohne teures Hotel also machbar, mit Yvy und Henning machten wir uns auf den Weg in die belgische Provinz Lüttich. Und wir wurden nicht enttäuscht. Ich möchte hier keine Details zum Lauf verraten, die seht Ihr hier im Video.
http://youtu.be/uQUbmHPB5fk
Aber es war ein sehr anspruchsvoller Trail, selten einmal Asphalt, meistens Trampelpfade mit ordentlichen Steigungen und Gefällstrecken. Leider kam aufgrund der Sprachbarriere - ich spreche leider gar kein französich und die anderen drei auch nicht gerade fließend - keine längere Kommunikation mit den anderen meist einheimischen Läufern zustande. Aber alles hier war sehr familiär und gesellig, eine große Turnhalle stand für Anmeldung, Aufenthalt vorher und nachher sowie für die Siegerehrung und Essensausgabe zur Verfügung. Für Regenwetter ideal. Zusätzlich war draußen für uns "harte" Männer ein Umkleide- und Duschzelt aufgestellt, welches mittels eines Tankwagens mit warmem Wasser versorgt wurde. Gut gelöst. Die Kabinen der Sporthalle durften dann die Frauen alleine nutzen.
Fazit am Ende des Trails: Eine absolut toll angelegte Streckenführung, interessante Durchläufe durch Fort Tancremont und das Chateau de Franchimont. Es wurde niemals langweilig, keine endlos lange, aber auch keine wirklich flachen Passagen. Klar, es wäre deutlich schneller gegangen. Platz 194-200 für uns vier bei 274 Startern und rund 220 Finishern jetzt nicht so das Ergebnis. Aber wir sind zusammen gelaufen, wollten die Gegend und die Verpflegungsstände genießen. Das war uns gelungen! Mit leckerem Bohnen-Kartoffel-Speck-Eintopf und Leffe blond klang der Tag aus, die Rückfahrt von knapp 2 Stunden war das Event in jedem Falle wert!
Mein Knie hat gehalten. Trotz schwieriger Strecke und der langen Belastungsdauer. Und auch heute, da ich diese Zeilen schreibe, habe ich keine Schmerzen. Das stimmt mich jetzt dann mal optimistisch für das weitere Training. Heute Pause, morgen dann Tempowechsellauf. Freu mich drauf!
Sonntag, 6. September 2015
Samstag, 22. August 2015
100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 5
Die 100 Meilen sind geschafft. Mit Finisher-Shirt in der
Tasche und frisch geduscht geht es mit dem Auto zurück ins Hotel. Gegenüber in
einer Seitenstraße gilt scheinbar sonntags kein Halteverbot, also parkt Henning
unser Auto dort. Yvy und Henning bringen die Räder in die Tiefgarage, wir die
Klamotten nach oben. Was für ein Gerödel, die drei Dropbags WP 1, WP 2 und Ziel
sowie die Radtaschen. Der vom WP 3 würde gleich vor der Siegerehrung im Hotel
abzuholen sein. Ein toller Service. Es ist acht Uhr, wir gehen dann mal zum
Frühstück. Hier sind wir nicht allein, der Raum ist voll von Finisher-Shirts
mit mehr oder weniger ausgemergeltem Inhalt. Ich hatte eigentlich ziemlichen
Hunger, aber im Moment fühlt es sich nicht an, als würde ich etwas
reinbekommen. Ich nehme nur einen Pott Kaffee und will mal abwarten, was mein
Magen sagt. Mir ist nicht schlecht, aber meinem ganzen Körper ist irgendwie
nach Ruhe. Nebenan am Tisch sitzen vier Frauen und freuen sich gerade über das
Finish ihrer 4er Staffel. Wir freuen uns mit und erzählen gegenseitig von
unseren Erlebnissen. Essen kriege ich trotzdem nicht herunter.
Gegen 9 Uhr sind wir im Zimmer und schlafen erst mal tief
und fest, trotz des Tageslichtes im Zimmern. Ich denke an die vielen, die noch
unterwegs sein werden und bin auch schnell im reich der Träume. Claudias Handy
muss uns um ein Uhr wecken, denn um 14 Uhr findet unten im Saal des Hotels die
große Siegerehrung statt.
Das Aufstehen gestaltet sich bei mir etwas schwierig, das
Knie scheint die Ruhe nicht gemocht zu haben. Aber es ist nicht verfärbt oder
geschwollen, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Unten ist bereits alles für
die große Siegerehrung aufgebaut. Eine Bühne und viele viele Stuhlreihen für
Teilnehmer und Begleiter.
Hajo Palm begrüßt uns als Veranstalter und stellt die Gäste
vor. Ein Vertreter des Sportsenats hält eine kurze Ansprache, von der nicht
viel hängen bleibt. Dann kommt Rainer Eppelmann. Einst Pfarrer, einer der Köpfe
der Opposition in der DDR und nach der Wende deren letzter
Verteidigungsminister.
Als er spricht, ist es mucksmäuschenstill. Für mich hat der
Mann eine unglaubliche Ausstrahlung, die mich bereits nach wenigen Sätzen
erfasst. Er spricht von den Menschen, die sich nicht mehr alles vorschreiben
lassen wollen. Die selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden wollten und ihres
dabei verloren.
Er stellt die Verbindung zu uns Läufern immer wieder gekonnt
her, ohne dass ich das Gefühl habe, ständig den moralischen Zeigefinger zu
sehen. Mit den Eindrücken der vielen orangefarbenen Stelen unterwegs braucht es
das nicht. Aber er vermittelt mir auch die Freude. Die Freude, diesen Weg nun
frei laufen zu können. Dies war kein normaler 100-Meilen-Lauf. Das hat hier
gerade auch der letzte begriffen. Hoffentlich auch die, die achtlos an der
Gedenkstätte von Marietta Jirkowsky vorbei gelaufen waren.
Dann werden die Sieger auf die Bühne gerufen. Auch Karin
Gueffroy ist da, hängt Medaillen um. Sie ist die Mutter von Chris Gueffroy, der
noch im Februar 1989 erschossen wurde. Er wäre heute so alt wie ich. Dann
werden die Frauen von hinten nach vorne auf die Bühne gerufen. Zeit spielt hier
keine Rolle. Das Finish allein ist aller Ehren wert. Claudia ist an der Reihe.
Ich freue mich, dass sie es so gut überstanden hat und vor allem, dass sie
nicht wirklich enttäuscht über den verpassten „Buckle“ ist. Braucht sie mit
Platz 13 bei den Frauen auch nicht. Als vom Klatschen schon die Hände wehtun,
bin ich dann irgendwann an der Reihe. Der Gang zur Bühne klappt schon wieder
tadellos. Ich komme ohne fremde Hilfe die drei Stufen hinauf. Händeschütteln
mit Hajo, dann Frau Gueffroy. Ich bedanke mich für die Medaille und sage ihr,
dass ich am Abzweig Britzer Seitenkanal an ihren Sohn gedacht habe und höchsten
Respekt vor ihrem Wirken habe. Dann Erhalte ich von Rainer Eppelmann mein
„Buckle“. Mensch, war ich stolz auf das Ding! Aber diese Siegerehrung ist auch
so toll inszeniert, dass nicht einmal die endlosschleife von Pink Floyds
„Another brick in the wall“ zu nerven vermag. Das hier gehört sicherlich mit zu
den größten Momenten in unserem bisherigen Läuferleben. Es ist einzigartig.
Wir sind der Auffassung, das sollte es auch bleiben. Die
Back-to-back Medaille durch eine Bewältigung der Strecke in der, in meinen
Augen viel schwierigeren, umgekehrten Richtung kann ich mir im Moment nicht
vorstellen. Sehr gut kann ich mir aber die TorTour de Ruhr im nächsten Mai
vorstellen. Dafür habe ich hier wieder viel gelernt. Und Yvy ist auch so angetan, dass wir das selbstverständliche
Versprechen abgeben müssen, für sie und Henning auch den Radbegleiter zu geben.
Das ist Ehrensache!
Anschließend sitzen wir noch mit einigen Läufern im Biergarten vor den Hotels. Und gehen dann Richtung Hackesche Höfe zu einem Italiener. Wieder kann ich nur die Hälfte essen, aber immerhin. Mein Körper braucht etwas Zeit, um wieder auf Normalbetrieb zu wechseln. Aber ich kann gehen. Im Hotel schlafen wir schon um halb neun ein. Was solls?
Anschließend sitzen wir noch mit einigen Läufern im Biergarten vor den Hotels. Und gehen dann Richtung Hackesche Höfe zu einem Italiener. Wieder kann ich nur die Hälfte essen, aber immerhin. Mein Körper braucht etwas Zeit, um wieder auf Normalbetrieb zu wechseln. Aber ich kann gehen. Im Hotel schlafen wir schon um halb neun ein. Was solls?
Unseren allerherzlichsten Dank an alle, die uns diese
Leistung ermöglicht haben. An erster Stelle natürlich Yvy und Henning mit ihrer
„Fahrradtour“, dann die vielen Helferinnen und Helfer rund um diesen Lauf, die
sich wirklich vorbildlich in mörderischer Hitze und umschwärmt von Wespen um
uns gekümmert und uns alle Wünsche von den müden Augen abgelesen haben. Auch an
all unsere Freunde, die auf Facebook und im Internet mitgefiebert haben. Das
hat mich unterwegs sehr motiviert. Danke auch an alle, die danach unsere
Selbsbeweihräucherung und unser Läuferlatain tapfer ertragen mussten.
In dem Bewusstsein, fast alles bewältigen zu können, wenn
unsere Körper weiter so tadellos mitspielen ging es am Montag wieder nach
Hause. Über die „Interzonenautobahn“ bis Helmstedt/Marienborn. Auch hier war
früher die Grenze. Eine Gedenkstätte zeugt noch davon. Die meisten rasen
durch…..
Donnerstag, 20. August 2015
100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 4
Ich laufe wieder an, sobald ich die Straße, die zurück zur
Brücke über den Teltowkanal führt, nach 50 Metern erreicht habe. Die „Schlafanzüge“,
wie einige die Nachtausrüstung mit Stirnlampe und Signalweste nennen, ruht noch
bei Henning in den Satteltaschen.
Vor uns scheint sich ein Läufer nur so dahin
zu schleppen, auch er schlurft mit jedem Schritt. Wir gehen an ihm vorbei, er
hängt sich aber dran und das schlurfen haben wir noch eine ganze Zeit im Ohr.
Die Strecke führt am Teltowkanal entlang, allerdings nun am Südufer. Immer
wieder noch Steelen mit den schwarz-weiß Bildern der größtenteils jungen
Menschen, die hier ihr Leben riskiert und verloren haben. Henning hält ab und
zu an, liest deren Geschichte und kommt dann hinterher geradelt. Allerdings ist
vom Ufer wenig zu sehen, da es dicht bewachsen ist. Rechts sind immer noch
Betonpfähle zu sehen, teilweise abgebrochen. Grenzzaun. Der Teltowkanal bildet
hier noch etwa 4 Kilometer die Grenze zwischen Teltow und Berlin-Zehlendorf.
Als wir ihn dann mit einer 90 Grad Rechtskurve verlassen, beginnt der Zick-Zack-Kurs
im Südosten West-Berlins. Alles klar? Die abgeknickte Straße führt durch eine
Wohnsiedlung. Auch hier ein Bild, wie schon so oft. Rechts auf der teltower
Seite Altbauten, links auf der Zehlendorfer Seite Neubauten der 90er hier im
beginnenden Speckgürtel der Hauptstadt. Schnell geht die Siedlung in freies
Land über, eine Kirschblütenallee beginnt. Uns kommen viele Spaziergänger mit
und ohne Hunde entgegen, zwischen Kirschbäumen – ein Geschenk Japans zur
Wiedervereinigung und entlang der Grenze damals angepflanzt – läuft der
Betonplattenweg. Der Blick in der untergehenden Sonne schweift über weite
Felder. Wann kommt der nächste VP? Ich bin im Moment schon ein wenig
erschrocken, wie schlecht es hier gefühlt vorwärts geht. In Biel hatte ich zwei
Jahre zuvor die 100 km in 10:11 h absolviert, nun hatte ich dafür über 12:30 h
gebraucht und fühle mich bereits viel müder. Aber da muss ich mich selbst
einbremsen. Biel startete zwar an schwülem Abend, in der Nacht wurde es jedoch
relativ kühl und warm wurde es erst in den letzten 2 Stunden. Der Tag bei
heißen und schwülen Temperaturen über 30 Grad hat doch mehr Körner gekostet,
als mir noch vor ein paar Stunden selbst klar war. Das Feld ist hier riesig
auseinandergezogen, fast jeder läuft hier für sich allein. Ohne Hennings
Unterhaltung würde es schwierig werden. Rechtsknick, immer noch ist der VP der
Polizei nicht in Sicht. Da wären es dann 109 km, meine Uhr zeigt schon 111! „Wenn
wir bei 161 nach meiner Uhr sind, müssen wir immer noch 3!“ erwähne ich mal so
am Rande. Dennoch hangele ich mich an den Anzeigen meiner Uhr entlang. Bald ist
es nur noch ein Marathon, das soll das nächste Etappenziel sein. Beim VP des
Polizeisportvereins angekommen wird es langsam dämmerig, wir legen unsere
Nachtausrüstung dann doch mal an. Ich hatte keine Lust gehabt, mir noch etwas
zu kaufen, also habe ich mein enges schwarzes Powerstripe-Shirt an und ziehe
das Ding aus dem Auto drüber. Das sollte mir am Ende eine unschöne
Scheuerstelle am Schlüsselbein einbringen, aber Geiz ist ja bekanntlich geil. Es
geht weiter. Rechts liegen Maisfelder mit gefühlten Kantenlängen von 3
Kilometern. So etwas Riesiges gibt es nur im Osten, wir am Niederrhein haben da
erheblich kleine Felder. Relikte von Bodenreform, Enteignung und
Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Dann beginnt der Wald und es
wird fast schlagartig dunkel. Stirnlampe an, Fahrradlampe an. Weiter geht es.
Ich laufe immer noch. Henning rechnet aus, dass wir nach 22 Stunden da wären,
aber ich bremse immer noch den Optimismus. Es kann viel passieren auf fast 50
Kilometern, vor allem werde ich immer langsamer. Henning streitet das ab und
betont immer wieder, wie sauber mein Laufsstil noch aussieht. Wir unterqueren
die B101 bei Marienfelde, hier lag das Erstaufnahmelager für diejenigen, denen
keine Stele an der Strecke gewidmet werden musste. Es waren einige Millionen,
die hier aufgenommen und zu „Wessis“ transformiert wuden. Wann kommt der
nächste VP? Ist da vorne Licht? Nein, das Licht will nicht näher kommen. Es ist
ein Läufer mit seiner Stirnlampe. Ich denke an allein laufende Frauen in diesem
schwarzen Nichts, das hätte vielleicht in die Ausschreibung gehört. Yvy und
Claudia war gemeinsam schon nicht wohl. „Wenn ich hier umkippe und rechts in
Gebüsch rolle, finden Sie mich erst in 12 Stunden“ sage ich zu Henning. Unwillkürlich
schauen wir, ob da nnicht wirklich einer liegt. Der Weg wird schlechter, der
Asphalt ist weg, Sandfahrspuren mit Wurzeln bilden nun das Geläuf. Dann kommen wieder
recht ordentliche Waldwege, die die Hoffnung schüren, das schlimmste sein
vorbei. Diese schlechten Wege kosten zusätzlich Tempo, das ist eigentlich das
Hauptproblem. Wann kommt endlich dieser nächste Verpflegungspunkt? Es sollten
doch nur 5,5 Kilometer sein! Man motiviert sich damit, sich an einem VP mal 3
Minuten hinsetzen zu dürfen und einen Bissen zu essen. Danach geht es aber
wieder von vorne los. Aber diese kleinen Aussichten und Abschnitte helfen
ungemein weiter. Man darf jetzt nicht denken „immmer noch 46 Kilometer“! Die
Strategie muss sein, sich von kleinen Zielen wie dem nächsten VP oder
bestimmten Kilometerzahlen heranzutasten. Der Weg gabelt sich, ist aber durch
die fluoriszierenden Pfeile am Boden bestens ausgeschildert. Dann sehen wir das
Licht des VP. Die haben hier so ein Ding tatsächlich im finstersten Busch
aufgebaut. Die Freude ist zunächst groß, dann aber sehe ich keine
Sitzgelegenheiten. Der kluge Läufer hätte jetzt stehend etwas gegessen und
getrunken und wäre schnell weiter. Zu der Spezies gehöre ich in diesem Moment
aber wohl nicht mehr. Es ist kurz vor elf, ich bin seit halb vier am Morgen auf
uns spätestens seit 6 Uhr laufend unterwegs. Da leidet die
Kleinhirndurchblutung offensichtlich, denn ich setze mich auf die angebotenen
Sixpacks Wasserflaschen. Das ist einmal unbequem und dann auch noch zu tief.
Meine Knie sind zu lange zu sehr durchgebeugt. Aber es geht wieder weiter in
die Dunkelheit. „Wie lange dauert dieser Scheiß-Wald noch?“ frage ich noch
verzweifelt die VP-Besatzung. „15 Kilometer!“ Vor dieser Antwort nehme ich dann
mal reißaus.
Weiter geht es um Schöneberg herum. Wir reden darüber, wie
sich wohl Yvy und Claudia in diesem dunklen Loch fühlen werden. Wo sie sind?
Keine Ahnung, denn Yvys Handy scheint leer zu sein, wie Henning meint. Claudia
hat ein mobiles Ladegerät dabei, genau wie ich, aber daran denkt man irgendwann
nicht mehr. Es kommt der gefürchtete umweg wegen eines fehlenden Tunnels unter
der Bahnanlage. Man schrieb hier von „schlechtem Kopfsteinpflaster“ und das ist
es wirklich. Die Straße ist mit den berüchtigten großen „Placken“ bestückt, den
schmalen Gehweg durch die 30er-Jahre Siedlung befestigt kleines
Kopfsteinpflaster. Das kann man ja noch relativ gut laufen, nur sind darin
überall Asphaltbuckel, wenn da mal ein Loch verschlossen wurde oder die Wurzeln
der zahlreichen Bäume haben das Zeugs hochgedrückt und in einladende
Stolperfallen verwandelt. Dazu die dämmrige Straßenbeleuchtung und die
Schlagschatten der belaubten Bäume, aber immerhin Häuser, Straßen und Abwechslung.
Was freue ich mich auf die City! Wir erreichen den Bahnübergang, der auch noch
gesperrt ist. Ein sitzender Streckenposten warnt uns vor den frei liegenden
Schienen. Wie lange noch Wald? „Locker 10 Kilometer!“ Sagt der Streckenposten
und ich befürchte, gleich wahnsinnig zu werden. Dieses westliche
Ostalgieviertel ist also nur ein Intermezzo. Irgendwann liegt der Ortsrand
wieder vor uns und es geht wieder in den Busch. Duster wie im Sack wird es
wieder. . Marathon, so ein Klacks. Der VP 20 ist erreicht. Hier stehen
Liegestühle, Henning ist so nettt zu mir und bringt mir ein schälchen lauwarme
Nudeln. Die tun ganz gut. Auf die angeboetene Bolognese verzichte ich dankend.
Wieder weiter, wir überquerend die B96,
hatten wir heute Morgen kurz vor der Gedenksteele Jirkowsky schon einmal. Nur
am anderen Ende von Berlin. Jetzt ist Ende mit Weg, es folgen zwei sandige
Fahrspuren, die sich ca. 20 cm. In die Grasnarbe eingefräst haben. Teilweise so
schmal, dass man die Füße nicht richtig aneinander vorbei bekommt. Henning auf
dem Rad flucht auch. Ein Mann mit Hund
kommt uns entgegen. „Wird das hier bald besser?“ frage ich. „Neh“ ist
die einsilbige Antwort. Das motiviert richtig. Es ist Mitternacht und wir
kämpfen uns Schritt für Schritt über die Wurzeln und Sandlöcher. Mein rechtes
Knie beginnt leicht zu schmerzen. Läuft sich raus, es muss sich rauslaufen! Es
ist aber kein stechender, abrupter Schmerz sondern eher ein dumpfer an der
Innenseite rechts. Egal, noch geht es ja. Der Wald lichtet sich und endlich
wird der Weg besser. Aber nur ganz selten gelingt noch ein Kilometer unter 8
Minuten. Wir sehen die Wohnsilos der Gropiusstadt, wieder das typische Beispiel
von Moderner Trabantenstadt der 60er Jahre und sozialem Brennpunkt der 70er und
80er. Christiane F. wohnte hier. Henning und ich unterhalten uns über den Film,
wir fanden ihn beide damals ziemlich schockierend. „We could be heroes – just for
one day“ sang David Bowie dazu und auf dem Wege dahin sind wir auch. Ich bin
überzeugt, dass das Zeug, was mein Körper gerade produziert, sich auch gut in
die Venen spritzen lassen würde. Denn auch ich fühle mich etwas surreal. Links
Wald, rechts Felder und am anderen Ende wummern die Bässe und drehen sich die
Lichter einer Kirmes, auf die wir zu laufen. Jetzt eine Runde Kettenkarussell.
Und Kandierte Apfel mit Zuckerwatte am VP. So scherzen wir uns dahin und ich
bewundere meinen Geist, der tatsächlich noch Humor hat. Dann ist die Kirmes
umlaufen, die Gestalten in meist jugendlichem Alter, die uns hier entgegen
kommen, sind alle lattenstramm. Wie mögen wir warmwestengewandete
Stirnlampenträger in mehr oder weniger vorzeigbarem Laufschritt auf sie wirken?
Endlich ist Groß-Ziethen erreicht, das bereits an Neukölln grenzt. Ein Stück
durch eine Wohnsiedlung, dann nochmals der Schrecken der Sandwege. Aber diesmal
wirklich nur für 200 Meter, dann wieder eine Wohnstraße, an deren Ende der VP
auftaucht. Die Leute hier machen wirklich Party, auf den Straßen ist dank der Kirmes
noch etwas los. Wieder nur kurz verweilen, weitermachen. So langsam beginne ich
u glauben, dass ich das hier tatsächlich ohne Gehpause durchlaufen kann. Und
gleich geht es Richtung Rudow endgültig in die Stadt. Noch knapp 35 Kilometer.
Nochmal kurz um die Blöcke der Gropiusstadt herum durch einen dunklen Weg, dann
sind wir auf der Großen Ziethener Chaussee Richtung Rudow. Ich laufe auf Radweg
oder Bürgersteig, Henning fährt neben mir. Ist auch ziemlich ausgestorben hier
so gegen ein Uhr nachts, aber es gibt etwas zu gucken. Ab und zu kommen Taxis,
die Nachtschwärmer nach Hause fahren. Wem es am Mittag besser geht – warten wir
ab. Mein Knie muckt ab und an, aber es schein sich nicht zu verschlimmern.
Gegenüber stehen zwei Polizeiautos und unterhalten sich durch die offenen
Fenster. Eines fährt weiter dreht wenig später am Verpflegungsstand, den wir
schon erreicht haben. Hier geht es psychologisch wirklich schneller als im
Tunnel des Waldes. Hier sitzen wieder Läufer. Ob die jetzt zu Staffeln oder
Einzelstartern gehören ist mir egal.Ein Polizist steigt aus und spricht mit den
Leuten am Verpflegungsstand. Henning bringt mir Getränke und Apfel und erzählt,
dass der Polizist gefragt habe, warum hier so viele vorschriftsmäßig
beleuchtete Fahrräder kämen, deren Lenker auch noch Warnwesten trügen! Hatte
der wohl noch nie gesehen, sonst fahren hier nämlich die meisten ohne Licht. Mit
diesem Humor im Rücken geht es weiter, schon bald erreichen wir wieder den
Teltowkanal. Ich laufe noch immer, obwohl ich langsam wirklich keine Lust mehr
habe. Auf meiner Uhr 135 Kilometer, offiziell wohl 2-3 weniger. Der Weg führt
hier schnurgerade etwa 5 Kilometer am Kanal entlang. Leider sehen wir nicht
viel, denn zwischen dem Gewässer und uns sind Büsche, auf der anderen Seite der
Lärmschutz der A 113, die man hier auf der Mauertrasse gebaut hat und die zum
niemals fertigen BER-Airport und nach Schönefeld führt. Eine Gedultsprobe.
Irgendwo weit vorne leuchten die Lichter einer Ampel, sehr viel später stellt
sich heraus dass die oben an der Brücke über den Kanal leuchteten, wir aber im
Dunkeln drunter her laufen. Man wird wieder verschluckt von dieser tiefen
Schwärze, nur durch den kleinen Tunnel unsrer Lampen durchbrochen. Weit vor und
hinter uns ist niemand zu sehen. „Die seit dem letzten Wechselpunkt haben wir
alle abgehängt“ freut sich Henning mit mir. Hinter einer Brücke liegt jemand
rechts an der Wand des Pfeilers im Gras. Ein Läufer. Wir schauen und leuchten
ihn damit an „Alles in Ordnung?““Boah, ich will nur schlafen“. Na denn, weiter.
Mit dem Schlaf wird er wenig Glück haben, denn so ziemlich jeder Läufer wird
ihn besorgt fragen, ob man helfen kann. Und das ist auch richtig so. Der VP 23
taucht auf, wunderschön mit Gartenfackeln illuminiert.
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| Kaffe am Checkpoint |

| 1986 am Checkpoint Charlie |
Zwei Mal hatte ich es beim Berlin Marathon schon durchlaufen. „Gleich an der Ecke mal sehen, wie weit es noch ist. Vielleicht laufe ich dann eben durch.“ Sage ich noch und bin an der Ecke. Es ist mir zu weit. Meinem Knie will ich keinen unnötigen Schritt mehr zumuten. Ein Foto, dann weiter Richtung britischer Botschaft. Wir ernten bewundernde Blicke von den hier reichlich patroullierenden Polizisten, dann geht es die Scheidemannstraße zum Reichstag. Anke kommt in Begleitung vorbeigelaufen, die hatte ich bei Kilometer 45 oder so überholt. Aber Anke ist eine sehr gute Ultra-Läuferin, sie hätte mich gerne mitgenommen, aber ich sage, dass ich nur noch gehen kann und wünsche alles Gute. Reichstag, Kanzleramt, Kronprinzenbrücke. Das Regierungsviertel ist menschenleer. Dann Richtung Bahnhof, Anke und Begleiter sind noch in Sicht, bevor es am Humboldhafen entlang über den Invalidenfriedhof zum letzten VP geht. Eine tolle Sache, erschöpfte Läufer am Rande des Zusammenbruchs über einen Friedhof laufen zu lassen. So kaputt bin ich Gott sei Dank nicht. Am VP erwartet uns eine nette Dame vor dem Tresen, ich frage wie weit es noch genau ist. 4,75 Kilometer sind es laut Tafel am VP. Noch 48 Minuten, dann stünde noch die 22 bei den Stunden. Das wird mir zu eng. Um eine 9er Pace zu erreichen müsste ich laufen. Mein Knie ist noch stabil, am Ende ist es egal ob wir 22:59 oder 23:10 hereinkommen. Für die blöde Gürtelschnalle kann ich auf allen vieren in dieser Zeit ankommen. Also kann ich auch meine 4 Minuten Pause machen und die Dame unterhalten. Tun wir dann auch. Mit einem netten Dankeschön geht es auf die letzte Etappe. Würde ich bei der TorTour de Ruhr jetzt noch 75 weitere Kilometer schaffen? Ja. Mit einer Stunde Schlafpause dann würde es gehen, ich hätte locker 13 Stunden dafür Zeit. Man hat das eine nicht ganz geschafft und denkt schon an den nächsten Wahnsinn. Aber so ist halt der Plan. Zwei Läufer überholen uns noch im Endspurt kurz vor der Bernauer Straße. Das sieht aus wie 4:30er Pace. Wahrscheinlich war es eher 7er Pace, aber bei meinem Marschtempo kann man sich vertun. Es tut ein wenig weh, nicht mitlaufen zu können, aber die Vernunft siegt. Dann liegt endlich die Bernauer Straße vor uns, höchstens 2,5 Kilometer noch einschließlich Sportplatzrunde. Es wird noch nicht hell, obwohl es auf 5 Uhr zu geht. Ein Läufer kommt von vorne langsam näher, dann setzt er sich auf eine Fensterbank eines Ladenlokals. „Können wir helfen?“ Er fragt nach Cola, wir geben ihm unsere eiserne Reserve, eine 0,33 l Flasche aus den Gepäcktaschen. Die brauchen wir nicht mehr. Jetzt plane ich schon den Einlauf. Henning soll am Eingang des Stadiongeländes schon mal vor fahren und auspacken. So machen wir es dann auch, als unvermittelt die dreibeinigen „Giraffen“, die Flutlichtmasten des einstigen Dynamo Berlin-Stadions auftauchten. Beim DDR-Abo-Meister von Stasi-Mielkes Gnaden haben sie alle gespielt: Barcelona, Juventus, der HSV, Werder Bremen. Die verloren hier sogar mal 3:0, drehten dann aber das Rückspiel mit 5:0 in Bremen. Ich bin an Hennings rad am Eingang zum kleinen Leichtatlethikstadion angekommen. Signalweste aus, Singlet wieder drüber, die blaue „DDR“-Trainingsjacke an. So laufe ich ein. In der letzten Kurve dann reise ich die Retro-Jacke auf, ziehe sie aus und das goldene DLV-Singlet mit der Aufschrift „Deutschland“ kommt zum Vorschein.
| Die letzten Meter |
| Finisher! |
Sie kommen wenig später, gegen 6:20 Uhr. Ich nehme sie am
Eingang zur Tartanbahn in Empfang. Claudia geht, auf der Bahn aber läuft sie
wieder. Sie wird schneller, gibt wieder richtig Gas wie das ihre Art ist und
erreicht in 24:22 h das Ziel! Ich bin stolz auf meine Frau, denn auch sie hat
sich mit viel marschieren aufgrund von Magenproblemen durchgebissen. Und das in
einer sehr ordentlichen Zeit. Sie war ohnehin nicht so auf den Buckle fixiert
wie ich und sie ist nicht sichtbar enttäuscht!
| Claudia im Zielspurt |
Was für ein Ding! Wir haben es tatsächlich gerockt, sogar
weitgehend nach Plan. Mein Magen bekommt nichts rein, das angebotene Frühstück
will ich später lieber im Hotel versuchen. Wolfgang sehe ich beim Duschen
nochmal, sieht fies aus, der alte Wegbegleiter. Aber ich kann mich alleine aus-
und anziehen. Auch ein Erfolg. Andere haben da mehr Probleme. Lars, der Däne
von der Glienicker Brücke duscht auch gerade mit. Er hat das Buckle noch
erreicht, war eine halbe Stunde nach uns drin. Aber der ist in wenigen Tagen vergessen. Meine
Füße sehen fast tadellos aus, eine leichte Blase unter der Hornhaut am vorderen
Ballen, sonst nix.
Was war das jetzt für ein Gefühl? Das kann man in der Müdigkeit
so schnell jetzt nicht fassen, was man da geleistet hat. Es waren in jedem Falle
unvergessliche Eindrücke, geschichtsträchtige Orte und Augenblicke und
bewegende sportliche und menschliche Gesten und Regungen bei Helfern und
Mitläufern. Habe ich mich selbst besser kennengelernt? Nein, ich war so, wie
ich es erwartet hatte. Es lief ähnlich, wie ich es erwartet hatte. Und ich
sehe nichts, was ich hätte besser machen
können. Kann es eine schönere Bestätigung geben?
Und auch meiner Claudia hatte ich dies zugetraut. Dass es
nicht noch mehr wurde, lag am Wetter während des Tages. Die Hitze und die
Schwüle haben uns die entscheidenden Körner gekostet. Aber auch sie hat sich
toll durchgebissen
Ich kann den Lauf jedem Ultra nur empfehlen, und sei es als
Staffel. Freiheit des Läufers an der Stelle einer tödlichen Grenze…..das
sollten wir nicht vergessen.
Was sagte die Berliner Göre doch: „Boah….krasser Scheiß, eh!“
Mittwoch, 19. August 2015
100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 3
Bevor Claudia und Yvy kommen, laufe ich weiter. Henning
nimmt noch einen Becher und folgt mir. Gleich nach Verlassen des Brauhauses
sehe ich zur rechten das Schloss Cecilienhof. Hier baute der letzte Kronprinz
Wilhelm 1914-17 im englischen Landhausstil, hier tagten im Juli und August 1945
US-Präsident Truman, Stalin und Churchill, nach dessen Abwahl mittendrin dann
Attlee, konnten sich nicht einigen, zementierten die deutsche Teilung und
begannen den kalten Krieg.
| unsere Potsdamer Konferenz - Schloss Cecilienhof Potsdam |
Dies erzähle ich einem US-Amerikanischen Touristen
neben mir auf Englisch, der ganz überrascht war, dass Präsident Truman von hier
aus den Abwurf der Atombomben telefonisch befahlt. Ein bedeutsamer, aber
zugleich wunderschöner Ort. Weiter geht es über Parkwege entlang der Seen
Richtung Glienicker Brücke, die wir schneller als erwartet erreichen. Eben noch
fernab am Schloss Sacrow, nun schon hier. Henning und ich freuen uns, dass es
noch gut voran geht. Die Glienicker Brücke unterlaufen wir erst, um dann in
großem Bogen ihre Rampe zu erklimmen. Das kann man laufen. Oben bleibe ich
stehen, die Sonne ist wieder da und bescheint eine herrliche Szenerie mit dem
berühmten Dreischlösserblick.
| weltbester Radbegleiter Henning |
| Mit Däne Lars auf der Glienicker Brücke |
| Gedenkstätte Griebnitzsee - Km 90 |
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| Turnhalle Teltow - Wechselpunkt und Pause. ganze 30 Minuten! |
| Das letztegemeinsame Foto - vor dem Ziel |
100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 2
Die Landschaft ist hier im Norden Spandaus herrlich, aber
die Sonne knallt nun unbarmherzig. Ich habe mir bereits seit VP 7 angewöhnt,
alle drei VP’s Salztabletten zu mir zu nehmen.
| Mit Jörg von der AIDA-Lauftour 2009 |
| Dusche - schön! |
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| Yvy und Henning im Anmarsch - Spandau Bhf |
| VP Pagel & Freinds im Vorgarten - Klasse |
Ich verzichte und verpflege mich nur mit Obst, Wasser,
Salztablette und Schorle, dazu vor dem Abmarsch noch ein Gel. Claudia und Yvy
sind noch nicht weit hinter uns, fast parallel starten wir wieder. Ein schönes
Tor zum Durchlaufen,dann erreichen wir wieder einen See mit einem etwa 100 Meter langen Mauerstück samt Signalzaun davor. Der Groß-Glienicker See zwischen Groß-Glienicke und Kladow. Auch hier lief die Mauer mittendurch. Ein französischer Teilnehmer und wir fotografieren uns gegenseitig, leider scheint er den Auslöser nicht getroffen zu haben.
| Mauerreste |
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| WP 2 Schloss Sacrow - Kilometer 71 |
| Blick zur Glienicker Brücke - nur noch um s ein paar Seen herum bis dahin |
Dienstag, 18. August 2015
100 Meilen - Der Mauerweglauf Berlin Teil 1
Von 0 bis Marathon
100 Meilen laufen – ist das noch vorstellbar? Klar, nachdem
Claudia und ich ja 2013 die 100 km in Biel bezwungen hatten und in 2014 den
nicht minder schweren K78 in Davos, war zumindest mir klar, dass die 100 Meilen
der nächste Schritt sein würden. Nach Danielas Bericht vom letzten Jahr war
auch meine Claudia sofort hin und weg und ich musste sie nicht mehr…..sagen wir
überzeugen. Für einen Geschichtsfreak wie mich ist der Mauerweglauf ja dann
auch irgendwie genau das richtige.
Also meldeten wir uns kurzentschlossen an, es war ja noch
ein Jahr Zeit! Dann ist es ja auch die weitere logische Zwischenetappe zum
nächsten Ziel – der TorTour de Ruhr 2016, welche uns als Helfer im letzen Jahr
auch dermaßen beindruckt hatte, dass zumindest mir klar war, diese auch einmal
bezwingen zu müssen.
Wie geht man ein solches Event an, wenn man noch nie weiter
als gut 100 Kilometer gelaufen ist? Nun ja, der Traildorado am Glörsee im
letzten Herbst war schon einmal ein Anfang, 105 Kilometer Trail in 24 Stunden
war ein guter Einstieg für Körper und Geist. Danach folgte zunächst ja mal die
Vorbereitung auf den schnellen Frühjahrsmarathon in Wien. Für mich eines meiner
beiden großen Ziele 2015, welches ist ja ich dann leider nicht erreichen konnte.
Aber die 100 Meilen waren irgendwie ja doch die größere Herausforderung. Yvy,
unsere Lauffreundin aus der Ausdauerschule hatte sich ja in einem Anflug
geistiger Umnachtung zur Radbegleitung bereit erklärt, spätestens im
Trainingslager im März kam auch Ihr Freund Henning nicht mehr aus der Nummer „Wenn
Du keinen andern findest, mach ich es
bei Dir!“ heraus. Wen soll ich in Berlin schon sonst finden?
Nun ja, Wien war in die Hose gegangen, der Seilersee als
Experiment 100 + X aber mit 130,8 Kilometer in 24 Stunden erfolgreich bewältigt
worden. Die 30 hinten drauf konnten ja nicht so schlimm werden!
Die Planung 2015 sah nach dem schnellen Marathon in Wien 14
Tage Pause, dann den Ultra am Seilersee und im Mai/Juni einige Marathonläufe „zum
Training“ vor. Das Konzept lief gut, denn die Marathonläufe an fast jedem
Wochenende machten Spaß. Es ist herrlich, nach 4 Monaten Trainingsplandisziplin
das Vergnügen zu erleben, ohne Zeitdruck und in respektvollem Abstand vom
eigenen Limit all diese schönen Laufveranstaltungen zu genießen. Aber reichen
Marathonläufe? Es sind nur 42,195 Kiometer, das ist nur gut ein Viertel der
Wahnsinnsdistanz, die wir da vor der Brust hatten? Ein Wochenende zu Pfingsten
hatten wir ja noch mit 100 Kilometer Gesamttrainingsdistanz in drei Tagen
garniert. Nun, ich bin der Auffassung, dass der Grat zwischen „sich kaputt
trainieren“ und einer optimal ausreichenden Vorbereitung ein sehr schmaler ist.
Also mussten irgendwie ein bis zwei noch längere Läufe in die unmittelbare
Vorbereitung eingebaut werden. Das taten wir dann auch. Die belgische Küste mit
70 Kilometern und den Sternlauf Münster mit 78 Kilometern bewältigten wir bei
unterschiedlichsten Wetterverhältnissen recht gut, dazu noch etliche
Fahrradkilometer mit unseren Rennrädern. Ich fühlte mich gewappnet und ich
glaube, meine Frau auch.
Eine physische Vorbereitung ist beim Ultra aber nur die
Hälfte der Vorbereitung, mindestens ebenso wichtig ist die mentale
Vorbereitung. Man muss 100 Meilen im Kopf hinbekommen, denn schwer wird es
immer unterwegs. Ich pflege mich dabei immer gründlichst auf den Kurs
einzustellen, in diesem Falle, indem ich für meine Frau einen Audiovisuellen
Guide für das Handy drehte. Nun ja, ich hatte noch eine Woche Urlaub zuhause
und das Wetter war schlecht! Also ging ich die Strecke Kilometer um Kilometer
durch, ergänzte das Roadbook des Veranstalters um eigenes Wissen, teilweise
durch Internet-Informationen vertieft und sprach dies, garniert mit kleinen
Einspielfilmchen und Originaltönen in meine Webcam. So kam es mir vor, als sei
ich die Strecke schon mehrfach gelaufen, mir war aber auch die Bedeutung vieler
Orte klar, auf die ich dabei sehr neugierig wurde.
Die Anreise war für Freitag geplant, früh um sieben ging es
dann los. Die Räder von Yvy und Henning aufgeladen. Es war bereits lecker warm,
für Berlin waren so 35 Grad angesagt. Für den Raceday am Samstag änderten sich
die Prognosen gefühlt alle 10 Minuten. Ursprünglich war es wolkenlos bei 38(!)
Grad, dann ging es langsam Richtung mehr oder weniger bewölkt, zuletzt kamen
Gewitter und sogar eine Unwetterwarnung dazu. Claudia schien das in der letzten
Woche dann doch nervös gemacht zu haben, mich ließ das relativ unberührt.
Lediglich vor einem Rennabbruch wegen Unwetter hatte ich echte Angst. Aber
laufen ist eine Freiluftsportart, darum lieben wir sie alle ja so. Da muss man
dann halt auch mit den Verhältnissen klarkommen. Beim Sternlauf Münster waren
es auch 28 Grad, und der ging ja tagsüber zu Ende. In der Nacht würde es nicht
so schlimm werden, dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn. Gegen Mittag
kamen wir in Berlin-Mitte an, nachdem wir zuvor bei Passage des ehemaligen
Grenzübergangs Dreilinden die Strecke das erste Mal kreuzen durften, was
bereits so etwas wie Ehrfurcht vor einer blöden Fußgängerautobahnbrücke
auslöste. Immerhin würden wir hier 30 Stunden später schon über 90 Kilometer
auf dem Tacho haben. Wir schmissen die Frauen vor dem Hotel mangels
Parkmöglichkeit raus und stellten den Wagen am Jahn-Sportpark ab, wo wir von
einer netten Dame dankenswerterweise noch eine Parkkarte erhielten. Bereits vor
dem Hotel gab es das erste Hallo, als uns Ricarda und Christian über den Weg
liefen. Wir holten gleich unsere Startunterlage, noch war da wenig Betrieb.
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| Delinquentenschau |
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| Startunterlagenausgabe |
Die Pasta-Party war dann schon einmal die beste, die ich je
gesehen habe. Im edlen Veranstaltungssaal des Ramada-Hotels war ein Salatbüffet
vom feinsten aufgebaut, dazu drei Sorten Pasta mit Bolognese,
Veganer-Tofu-Sauce und Pesto, Eis zum Nachtisch und viel frischem Obst. Auch
das Briefing in einem anderen Saal des Hotels wurde unerwartet humorig von Hajo
Palm abgehalten, auch der Rennarzt war ziemlich schmerzfrei, als er die Ansicht
verbreitete, mit angebrochenen Rippen oder so etwas könne man ja ruhig weiter
laufen. Der Mann war mir sympathisch.
Dann mal ab in die Kiste, wobei es dann doch 10 Uhr war, bis
wir unsere 3 Dropbags und die Fahrradtaschen gepackt hatten. Wechselklamotten in jeden Sack, die Nachtausrüstung mit Lampe und Warnweste vorsichtshalber in Nr. 2 (Km 72, man weiß ja nie!). Ersatzschuhe in die Fahrradtasche. War alles im
richtigen Sack? Nichts vergessen? Mit Yvy und Henning verabreden wir, dass wir
uns etwa zwischen Kilometer 45 und 50 treffen wollten. Hauptgrund dafür war,
dass wir unsere Rucksäcke mit den Pflicht-Wasservorräten nicht länger tragen
wollten. Bis dahin würden wir gut zusammen laufen können und würden uns noch
nicht aufgrund unterschiedlicher Befindlichkeiten gegenseitig stören oder gar
in Streit geraten. Näheres würden wir unterwegs per Telekommunikation lösen.
Inzwischen führten die Bayern dann mal 4:0 und ich lag im
Bett. An gutem Schlaf mangelte es nicht, zumindest bis um 3:30 Uhr der Wecker
ging. Ich mache kurz das Fenster auf, mir schlägt eklig schwül-warme Luft
entgegen. Locker 25 Grad! Na ja, seis drum. Dämpfte zumindest meine Erwartung
an die Kühle der kommenden Nacht! Immer noch war ich nicht wirklich nervös,
sollte mich das beunruhigen? Noch schnell ein ordentliches Frühstück im Hotel,
etwas getrübt durch die Tatsache, dass die Brötchen wohl noch nicht geliefert
worden waren, dann ging es gemeinsam mit Daniela in den Shuttle-Bus,
der uns die zwei Kilometer zum Start bringen sollte. Auch hier das Treffen mit den üblichen Verdächtigen, ich möchte mir als 100-Meilen-Rookie gar nicht ausmalen, was die hier schon alle gelaufen sind. Und ehe man sich versieht ist es hell und wir stehen auf der Tartanbahn. Wir laufen gleich mal zusammen los und ich versuche, von Anfang an auf die Pace zu achten, um nur nicht zu schnell zu werden. Die Luft ist noch erträglich, aber die Sonne verbirgt sich noch hinter ein paar Wölkchen. Vorbei an der Schmeling-Halle und über den Schwedter Steg geht es unter der Bornholmer Brücke entlang, wo 1989 die Grenze geöffnet wurde. Ein erster besonderer Moment. Ich lasse Claudia hier noch ein über Lautsprecher an unserem Audioguide teilhaben. Norman nutzt uns hier noch als Bremse, er läuft gerne zu schnell los, wie er sagte. Das hält er aber nur wenige Kilometer durch. Durch Vorstadtarchitektur zwischen Pankow und Rehberge, dann entlang der S-Bahntrasse. Die Pace ist gut, zu langsam geht eigentlich ja nicht. Am ersten VP halten wir uns nicht lange auf, ein kleiner Schluck und weiter geht es. Wir laufen neben einer Läuferin und einem Läufer des LC Mauerweg her, er erzählt uns ein wenig mehr über die Strecke, während wir entlang der ehemaligen Bergmann-Borsig-Werke laufen. Dann passiert leider etwas, was in jedem Laurel-und-Hardy-Film zum tot lachen gewesen wäre, hier jedoch ganz und gar nicht lustig war. Während unser Begleiter mit uns spricht, sieht er eine Bekannte mit dem Rad am Straßenrand stehen. Er dreht sich laufend zu ihr um, ich hole gerade Luft, um ihn vor dem Poller zu warnen, da war es passiert. Genau in passender Höhe endete der Wegpoller auf gleicher Höhe wie der Schritt des Laufkollegen, dankenswerterweise war der Pfahl zumindest oben abgerundet. Es müssen dennoch ziemliche Schmerzen gewesen sein, die Vereinskollegin kümmerte sich um ihn und wir liefen nach kurzen guten Wünschen dann weiter. Wie wir später erfahren haben, war hier dennoch Schluss für den armen Kollegen. Von hier aus alles Gute! Das Mäkische Viertel, eine 60er-Jahre Hochhaussiedlung im Westen mit Geschichte als Apo-Quartier der Baaders und Dutschkes und als sozialer Brennpunkt entlang geht es nach Lübars ganz in den dörflichen Norden. Claudia und mir geht es gut, aber nun bricht die Sonne endgültig durch die Wolken. Eine ganz tolle Landschaft öffnet sich, Felder und der Kirchturm von Lübars versprühen bäuerlichen Charme am Rande der
| Dorf Lübars |
| Naturschutzturm Waldjungend |
| Invalidensiedlung |
| Havel bei Hennigsdorf |
| Wechselpunkt 1 Ruderclub Oberhavel, Kilometer 34 |
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